1. Erste Konzeptideen
1.1. Im Kaufhaus Zeeck – Wahrnehmung und Inspiration
Bei unserem ersten Besuch des Kaufhauses war der Tag kalt und regnerisch. Die Etagen waren dunkel und menschenleer. Ich hatte das Gefühl, dass die Luft in den Treppenhäuser leicht eine Stauballergie auslösen könnte.
Der Ort sah wie ein Labyrinth aus, in dem die Logik und die Zeit fehlten. Wenn es überhaupt irgendwelche Gegenstände zu finden gab, befanden sich sie nie an dem Platz, an dem man vermuten würde, dass sie sein sollten. Schaufensterpuppen, gestellt in den unterschiedlichsten Positionen. Zerstörte Türen, zerbrochene Spiegel, die dir sagen konnten, dass dies kein Ort mehr für alltägliche Einkäufe ist.
Auf einigen Etagen habe ich auch Räume gesehen, in denen ich das Gefühl hatte, dass Menschen jeden Moment zurückkehren würden. Nur dass dieser „kurze“ Moment hatte sich verlängert und ich war nicht sicher, ob es überall kommen konnte.
Die einzigen Lebenszeichen waren die Tauben, die den dritten Stock des Gebäudes erobert hatten. Ich glaube, sie werden diesen Ort wohl kaum freiwillig verlassen.
Was aber mich bei diesem Besuch überzeugt, waren die Tapeten. Sie sind alt, staubig, vom Geruch nach Feuchtigkeit durchdrungen und bröckelnd. Und doch so zahlreich und so vielfältig. Weil die meisten davon florale Motive haben, habe ich gedacht, dass sie immer über die Vergangenheit erzählen wollen. Sie waren dort - die stille Zeugen des Lebens, das einst pulsierte, nun aber dem Vergessen und einer dicken Staubschicht überlassen. Was könnte schöner sein, als ihnen einen letzten Moment zu schenken, bevor die Zeit und die Feuchtigkeit sie besiegen und unwiederbringlich zerstören?
1.2. Erste Ideen
Ich wollte die Tapeten mit anderen im Zeeck gefundenen Materialien in einer Komposition verbinden, die über einen Teil der Geschichte des Kaufhauses erzählen kann. In den Dessauer Stadtarchiven gibt es eine Broschüre aus dem Jahr 1927, als das Gebäude ein Modehaus war. Sie besteht aus unterschiedlichen Fotos, auf denen man den Herstellungsprozess der Waren sehen kann, die auch dort verkauft wurden. Die Fotos zeigen einen starken Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und für mich war es besonders wichtig, diese seit langer Zeit verschwundene Seite des Kaufhauses wieder im Blick zu bringen, bevor wir über die Zukunft dieses Ortes zu sprechen.
Als Inspiration haben mir einige Ausstellungen im Hamburger Bahnhof in Berlin gedient.
2. Erste Entwürfe
Während der ersten Wochen habe ich genug Tapeten aus dem Kaufhaus gesammelt und lang damit experimentiert. Ich habe sie in Teilen geschnitten oder zerrissen wie ein Puzzle geordnet. Bei einem weiteren Experiment habe ich die hinteren Seiten, die noch Wandstücke hatten, übermalt und als Stempel auf einem Papierblatt benutzt. Manche Ergebnisse waren besser als gedacht, aber trotzdem hat mir der Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Teilen gefehlt.
Wie ich schon erwähnt habe, war das Kaufhaus im Jahre 1927 ein Modehaus, in dem man von Kleidungs- bis Möbelstücken hergestellte. Auf der Mehrheit der Fotos aus der Broschüre sieht man viele Frauen, die nähen oder mit Textilien arbeiten.
Dann habe ich ausprobiert, auf Papier zu nähen. Zuerst habe ich etwas Kleineres genommen – eine ausgeschnittene Tapeten-Blume, die ich bereits hatte. Ich habe aber den Fehler gemacht, mit einer dicken Nadel zu nähen. Die Tapete riss. Dann habe ich mit einer dünnen Nadel und Faden weitergemacht. Es hat lang gedauert und das Ergebnis war nur mittelmäßig. Ich habe trotzdem beschlossen, mit etwas Größerem fortzufahren.
Ich habe mehr Tapetenstücke an der Wand mit Papierklebeband geklebt und begonnen, mit einer feinen Nadel zu nähen. Diesmal habe ich auch ein Foto versteckt, das wie ein Fenster durch eine der ausgeschnittenen Öffnungen in einer der Tapeten sichtbar wurde.
Während ich mich mit diesem kleinen Testprojekt beschäftigt habe, habe ich an mein Konzept gedacht. Ich wollte eine Geschichte über diesen Ort erzählen, der sich so sehr verändert. Heute sehen wir auch den Beginn einer neuen Entwicklungsperiode. Ich wollte diesen ständigen Prozess mit einem Begriff verknüpfen.
Zuerst habe ich an das Wort „Metamorphose“ gedacht, was falsch ist, weil das eher ein biologischer Prozess bestimmt. Dann habe ich einen weiteren Begriff gefunden, der besser die Situation erklären konnte – „Transformation“.
Nach der ersten Diskussion mit der Gruppe habe ich eine weitere Phrase über meinen ersten Entwurf bekommen. Der Tapetenrahmen, der einem Fenster ähnelt, konnte gleichermaßen als Fenster zur Vergangenheit dienen. Dieses Feedback steckt sich jetzt hinter den Namen meines Finalvideos.
3. Erste Videos
3.1. Prozess Video
Mein erster Entwurf zeigt meinen Arbeitsprozess, während ich eine Komposition aus verschiedenen Tapetenstücken, Fotos und Textilien zusammennähe. Meine Grundidee war, das Video als ein Stop-Motion zu erstellen. Nach einem Gespräch in der Videowerkstatt habe ich aber meine Meinung verändert. Das Ergebnis besteht aus schnellen und langsamen Kadern, zu denen ich unterschiedliche Klangen an manchen Stellen hinzufügt habe.
3.2. Transition zwischen Jetzt und Vorher
Nach meinem ersten Videoentwurf haben sich meine Ideen verändert. Die Dokumentation meines Arbeitsprozesses war hilfreich, weil ich jetzt Video-Abschnitte für andere mögliche Kurzfilme habe. Trotzdem musste ich an diese Tapeten-Geschichte denken und wie ich am besten den Begriff „Transformation“ zeigen kann. Eine andere Schwierigkeit ist aufgetreten – ich habe die Verbindung zwischen meiner Tapetenkomposition und dem Kaufhaus verloren.
Als Lösung für dieses Problem habe ich die Entscheidung getroffen, ein paar Aufnahmen von Situationen zu machen, die heute im Gebäude geschehen – in diesem Fall, wie meine Kollegen aus dem Studio an ihren Projekten arbeiten. Ich habe nicht den gewünschten Effekt bekommen, deshalb habe ich die Idee später verworfen.
Stattdessen begann ich, mit einem Stapel alter Fotos durch das Gebäude spazieren zu gehen und nach einer ähnlichen Atmosphäre in Bezug auf Licht, Fensteranordnung und Wände zu suchen. Das war nur teilweise möglich – in fast hundert Jahren haben sich das Layout und die Raumordnung des Gebäudes so stark verändert, dass man auf den alten Fotos nur die Stütze wiedererkennen konnte.
Trotzdem ist mir gelungen, ein paar solcher Ecken zu finden. Mit Hilfe einiger Kolleg:innen, die als Statisten agierten, habe ich ein paar Videos aufgenommen, in denen ich versucht habe, eine ähnliche Situation wie auf den Fotos nachzustellen. Besonders spannend war der Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander verweben. Genau das wollte ich mit meinem Video zeigen.
In den nächsten Wochen habe ich mich mit der Aufgabe beschäftigt, wie ich diese Transition zwischen der Welt aus Tapeten und Fotos und der Gegenwart darstellen konnte.
Ich habe viele verschiedene Methoden getestet. Da ich eine Transition von einigen Videosequenzen zu anderen hatte, die sich stark von Lichtatmosphäre unterscheiden, habe ich ersten Video-Zoom als ein Hilfsmittel verwendet. Während der Aufnahme habe ich aber entdeckt, dass meine Hände unstabil waren. Ich konnte die Kamera nicht richtig beim Zoom steuern. Was noch nachteilig auf diesem Entwurf ausgewirkt hat, war die Tatsache, dass die ständige Wiederholung des Zoom-Effekt die Zuschauer langweilt.
Was ich noch getestet habe, ist ein Glitch-Effekt zu verwenden, was das Problem mit der Transition nicht löste. Am Ende habe ich einen simplen Weg gewählt, indem ich einen starken Beginn und ein starkes Ende bei meisten der Sequenzen verwendet und eine Transition genutzt habe, die die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschmilzt.
4. Finale Version
Damit die Zuschauer:innen einen besseren Blick auf die Fotos bekommen konnten, habe ich die Fotos in voller Bildschirmgröße vor dem Übergang in die Gegenwart gezeigt. Man beobachtet eine skurrile Situation im Laufe der Transition – einer kommt aus einer alten Arbeitswelt, um in einen fast leeren Raum zu landen, in dem ein paar junge Leute auf auseinanderfallenden, improvisierten Möbeln sitzen und versuchen, sich möglichst wenig zu bewegen.
Die verwendeten Geräusche stammen nicht von mir, aber sie wurden gezielt entsprechend der jeweiligen Situation auf dem Foto ausgewählt. Ich habe immer spekuliert, dass solche Klänge den Raum vor fast hundert Jahren erfüllten, als der Fotograf die Bilder aufnahm.
Die Geräusche habe ich auch in der Gegenwart belassen, um die Verbindung zwischen den beiden Bildwelten zu verstärken.
4.1. Video (DDS)
Darunter steht das Video, das ich auf DDS präsentiert habe. Das ist aber nicht die finale Version.
4.2. Video (Finale Version)
Noch eine Videosequenz wurde zwischen meinem Beginn und den Blick auf der ganzen Tapetenwelt hinzufügt. Ich habe eine Videosequenz aus meinem ersten Video ausgewählt, um meinen Arbeitsprozess noch einmal zu zeigen.
5. Fazit
Dieses Studio-Projekt war für mich wie ein freies und sehr ungewöhnliches Projekt. Bis zu diesem Moment hatte ich keine Erfahrungen weder mit dem Nähen noch mit Videoaufnahmen.
Am Anfang gab es Tage, an denen ich gleichzeitig gelernt habe zu nähen, mit Nähmaschine zu arbeiten, LED-Leuchte und Videokamera zu steuern und Videos zu schneiden. Es war chaotisch und erschöpfend. Trotzdem hatte ich die Möglichkeit, neue Techniken zu testen und ein neues Hobby zu entdecken, mit dem ich mich sogar nach dem Ende des Kurses beschäftigen kann.
Es war spannend für mich, uns fast jede Woche in einem alten Gebäude zu treffen. Ich bin immer mit der Mission gekommen, dass ich eine neue Ecke oder einen Ort finden könnte, was ich beim letzten Mal gar nicht gesehen hatte.
Andererseits hat es besonders Spaß gemacht, bei den Projekten der anderen Studierenden mitzuhelfen. Obwohl die meisten von uns Einzelprojekten hatten, haben wir zusammengearbeitet und Ideen ausgetauscht. Die Atmosphäre war gemeinschaftlich und warm.