Der Kurs setzt sich mit dem Thema Proportion auseinander und untersucht, wie Größenverhältnisse die Wahrnehmung von Form beeinflussen. In zwei praktischen Projekten werden unterschiedliche Beziehungen zwischen Kante, Fläche und Volumen erforscht und deren Wirkung auf Spannung, Neugier oder Ablehnung erlebbar gemacht. Mithilfe digitaler Modellierung und 3D-Druck entstehen sowohl einfache als auch komplexe Formen. Der Fokus liegt dabei auf einem experimentellen Formfindungsprozess, bei dem das sinnliche Erleben eine zentrale Rolle spielt. Durch das Arbeiten mit festen und flexiblen Materialien sowie durch manuelle Eingriffe wie Schütten, Streuen, Drücken oder Biegen wird die eigene Wahrnehmung gezielt als gestalterisches Werkzeug eingesetzt.

Pro Portion I

Thema

Im ersten Projekt bestand die Aufgabe darin, ein Objekt zu entwickeln, das sich zum Mahlen, Aufbewahren und Streuen eignet. Ausgangspunkt war ein frei gewähltes Gewürz, das als Inspiration für die Form dienen sollte.

Dabei ging es darum, das Gewürz nicht nur als Zutat zu betrachten, sondern sich mit dessen Eigenschaften und Wirkung auseinanderzusetzen. Welche Assoziationen ruft es hervor? Wirkt es eher süß, herb, mild oder intensiv? Diese Eindrücke sollten sich später in der Gestaltung widerspiegeln.

Ideenfindung

Zu Beginn des Projekts beschäftigte ich mich mit der Frage, welches Gewürz ich wählen möchte. Dabei spielte nicht nur der Geschmack eine Rolle, sondern auch das Gefühl, das ich mit dem Gewürz verbinde. Ich überlegte, wie sich das Gewürz anfühlt, welche Form es besitzt und welche Wahrnehmungen dadurch entstehen – etwa ob es fein gemahlen ist, aus kleinen Partikeln besteht oder als Knospe vorliegt.

Auch Aspekte wie Geruch, Struktur und persönliche Erinnerungen beeinflussten meine Überlegungen. Ziel war es, eine Form zu entwickeln, die diese Eindrücke aufgreift.

Umsetzung / Konzept

Schließlich entschied ich mich für Kardamom. Dieses Gewürz verbinde ich mit sehr unterschiedlichen Eindrücken. Einerseits nehme ich Kardamom als süß und warm wahr, vor allem durch Getränke wie Chai Latte, die für mich ein wohliges, angenehmes Gefühl erzeugen. Andererseits ist Kardamom für mich auch stark mit herzhaften Gerichten wie Currys verbunden, wo er eine eher herbe und scharfe Note entwickelt.

Gerade diese Gegensätzlichkeit zwischen süß und scharf fand ich besonders spannend. In meiner Gestaltung wollte ich daher eine Form entwickeln, die zwar leichte organische Ansätze besitzt – als Bezug zur süßen, weicheren Wahrnehmung –, insgesamt jedoch eine starke und prägnante Wirkung hat.

Da viele Menschen Kardamom vermutlich eher mit süßen Geschmacksrichtungen verbinden, sollte die Form bewusst nicht eindeutig oder erwartbar wirken. Stattdessen sollte sie Neugier erzeugen und dazu anregen, sich intensiver mit dem Gewürz auseinanderzusetzen.

Ein wichtiger Bestandteil meines Entwurfs war außerdem die Haptik. Da ich selbst viel koche, weiß ich, wie wichtig es ist, Gewürze nicht nur zu sehen, sondern auch zu fühlen. Über das Fühlen entsteht ein direkterer Bezug zum Material und zur Dosierung.

Die entwickelte Form verfügt über vier kleine Schalen zur Aufbewahrung von gemahlenem Kardamom. Für Kardamomkapseln ist der Boden der Form so gestaltet, dass sich die Knospen leicht öffnen lassen. Durch die Aufteilung können sowohl gemahlener Kardamom als auch ganze Kapseln parallel aufbewahrt werden.

Fazit

Während des Projekts wurde mir deutlich, dass der 3D-Druck mehrere Versuche erfordert. Formen, die im digitalen Modell stimmig wirkten, erschienen im realen Druck teilweise anders als erwartet. So waren beispielsweise die Schalen, die im Programm ausreichend groß erschienen, im gedruckten Objekt letztlich zu klein.

Diese Erfahrung zeigte mir, wie wichtig Testdrucke und Anpassungen im Entwurfsprozess sind. Da es mein erstes intensives Arbeiten mit einem 3D-Programm war, bin ich dennoch zufrieden mit dem Ergebnis. Gleichzeitig habe ich ein besseres Verständnis für die Anforderungen und Besonderheiten des 3D-Drucks entwickelt und gelernt, wie entscheidend Zeit, Iteration und kleine Zwischenschritte in solchen Prozessen sind.

Pro Portion II

Thema

Im zweiten Projekt lag der Fokus auf dem Arbeiten mit einem anderen Material im 3D-Druck. Die Aufgabe bestand darin, eine Form zu entwickeln, die nicht nur gedruckt wird, sondern sich auch physisch verändern lässt. Das Objekt sollte so gestaltet sein, dass es durch Druck, Biegen oder Verformen reagiert und dadurch neue Eigenschaften im Umgang entstehen.

Der Schwerpunkt lag dabei auf der Auseinandersetzung mit Materialverhalten, Flexibilität und der Frage, wie sich diese Aspekte gestalterisch nutzen lassen.

Ideenfindung / Umsetzung

Bei diesem Projekt bin ich anders vorgegangen als beim ersten. Ich hatte keine konkrete Formidee im Kopf, sondern wollte zunächst mit dem Material und seinen Möglichkeiten experimentieren. Die Vorgabe, ein Objekt zu entwickeln, das man drücken oder zusammendrücken kann, hat mich dazu gebracht, über Flexibilität und Spannung nachzudenken.

Anstatt lange zu skizzieren, bin ich direkt ins digitale Arbeiten eingestiegen. Mich hat besonders die Idee von Faltungen und wiederholenden Strukturen interessiert, weil solche Formen Stabilität und Beweglichkeit gleichzeitig erzeugen können. Origami war dabei eine erste Assoziation – nicht im klassischen Sinne von Papier, sondern als Prinzip von Kanten, Brüchen und Richtungswechseln.

Besonders wichtig war mir, dass die Struktur beim Zusammendrücken nachgibt, ohne ihre Grundform komplett zu verlieren. Die Faltungen funktionieren dabei wie flexible Zonen: Sie erlauben Verformung, erzeugen aber gleichzeitig Widerstand. Dadurch entsteht ein Wechselspiel aus Stabilität und Elastizität.

Das Objekt wurde so gestaltet, dass der mittlere Teil schmaler ist und gut mit den Händen umfasst werden kann. Diese Form ermöglicht es, das Objekt gezielt zusammenzudrücken. Beim Drücken kann Material aus der Öffnung herausgequetscht werden, wodurch eine direkte Verbindung zwischen Form und Funktion entsteht.

Gleichzeitig ist der Mittelbereich bewusst ergonomisch gestaltet, sodass das Objekt auch wie eine Art Stressball verwendet werden kann. Durch das Zusammendrücken mit den Händen entsteht eine haptische Erfahrung, bei der Druck und Verformung eine Rolle spielen. Die Form dient somit nicht nur dazu, Material aus dem Inneren herauszupressen, sondern lädt auch dazu ein, das Objekt aktiv zu greifen, zu drücken und damit zu interagieren.

Im Gegensatz zum ersten Projekt war dieser Prozess weniger geplant und stärker intuitiv. Viele Entscheidungen sind im Moment entstanden, durch Ausprobieren, Verändern und erneutes Anpassen.

Fazit

Durch die Wiederholung der Elemente wurde deutlich, wie stark sich kleine Veränderungen auf die Gesamtwirkung auswirken.

Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie wichtig Materialeigenschaften im 3D-Druck sind. Eine Form, die digital interessant aussieht, funktioniert nicht automatisch auch physisch. Proportion, Wandstärke und Zwischenräume spielen eine entscheidende Rolle, wenn ein Objekt flexibel sein soll.

Fazit zum Kurs

Im Verlauf des Kurses habe ich gelernt, Proportion nicht nur als Größenverhältnis zu verstehen, sondern als gestalterisches Mittel. Form entsteht nicht nur durch Volumen, sondern durch Spannung, Wiederholung, Rhythmus und Material.

Besonders prägend war für mich der Wechsel zwischen digitaler Planung und physischer Umsetzung im 3D-Druck. Dabei wurde deutlich, dass Entwerfen ein Prozess ist, der aus Testen, Anpassen und Scheitern besteht.

Ich habe gelernt, mutiger zu experimentieren und Ideen auch dann weiterzuverfolgen, wenn sie zu Beginn noch nicht vollständig ausformuliert sind. Gleichzeitig habe ich ein besseres Verständnis für Formwirkung, Material und technische Umsetzbarkeit entwickelt.