01. Prozess

Zu Beginn des Projekts lag der Fokus zunächst darauf, wieder in einen freien zeichnerischen Prozess hineinzufinden. Dafür haben wir mit einem gefalteten DIN A2-Blatt gearbeitet, das in vier A4-große Flächen unterteilt wurde. Diese konnten zunächst unabhängig voneinander bearbeitet und im weiteren Verlauf miteinander verbunden werden.

Die Arbeitsweise war bewusst offen angelegt: Es ging weniger um eine klare Komposition von Anfang an, sondern darum, Zeichnungen schrittweise zu erweitern, neue Beobachtungen einzubinden und das Blatt nach und nach wachsen zu lassen.

Prozess Retamorphosis.png

Relativ zeitnah haben wir dann begonnen, mit der Algentinte zu arbeiten. Eine anfängliche Schwierigkeit bestand darin, dass von den bestellten fünf Litern zunächst nur etwa 500 ml zur Verfügung standen. Dadurch wurden wir früh dazu angeregt, zusätzlich mit anderen Substanzen zu experimentieren.

Die ersten Versuche mit der Tinte fanden gemeinsam im Kurs statt, bevor wir eigenständig weitergearbeitet haben.

Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass es vor allem um ein Testen des Materials geht, und habe mich deshalb entschieden, direkt großflächig zu arbeiten. Dafür habe ich ein Taschentuch mit Algentinte durchfeuchtet und die Tinte auf dem Papier verrieben, sodass ein ungleichmäßiger, blassblauer Hintergrund entstand.

Auf dieser Grundlage habe ich mit einem feinen Pinsel begonnen, einen Fisch zu zeichnen. Durch mehrere Lasuren und die Verwendung unterschiedlicher Mischungen (Algentinte pur sowie mit Kohlenstaub versetzt) konnte ich verschiedene Abstufungen von Blautönen erzeugen.

Um im Material konsequent zu bleiben, habe ich bewusst auf weitere Farbquellen verzichtet und stattdessen Zitronensaft eingesetzt, um bereits aufgetragene Farbe partiell wieder zu entziehen und gezielt Aufhellungen zu erzeugen.

Mit zunehmender Ausarbeitung bin ich mit dem Pinsel jedoch an Grenzen gestoßen, insbesondere bei feineren Details. Deshalb habe ich im weiteren Verlauf mit einer Feder gearbeitet, um präzisere Linien und Strukturen herauszuarbeiten.

Diese Phase wurde auch genutzt, um verbindende Elemente zwischen den Motiven zu entwickeln. Durch lineare Verknüpfungen, diagrammartige Strukturen und schriftliche Notizen habe ich die zunächst getrennt entstandenen Figuren, Fisch und Taucherhelm, zunehmend miteinander in Beziehung gesetzt. Dadurch entstand der Eindruck einer wissenschaftlichen, feldnotizartigen Darstellung.

Eine Herausforderung im gesamten Prozess war die lange Trocknungszeit der Algentinte. Da ich häufig auf noch feuchtem Papier weitergearbeitet habe, wurde die Oberfläche stellenweise aufgeraut und begann leicht auszufasern. Das erschwerte präzises Arbeiten, führte aber gleichzeitig zu einer eigenständigen, materiellen Struktur.

Trotz dieser Schwierigkeiten ermöglichte gerade das Zusammenspiel aus kontrolliertem Auftrag, wiederholten Lasuren und dem gezielten Entzug von Pigment eine vielschichtige Bildentwicklung.

02. Ergebnisse

Retamorphosis

Retamorphosis – Details

Feldnotiz in Algentinte

Verwendete Gesamtmenge: ca. 40 ml Algentinte; partielle Entfärbung der Pigmente durch Zitronensäure.

Feldnotiz in Algentinte – Details

03. Fazit

Abschließend hat sich für mich gezeigt, dass Algentinte ein spannendes, aber nicht ganz leicht zu kontrollierendes Material ist. Gerade die geringe Deckkraft macht sie weniger geeignet für deckende Arbeiten, dafür aber umso interessanter für Lasuren und schichtweises Arbeiten.

In der Kombination aus mehreren Aufträgen und dem gezielten Entziehen von Pigment, etwa durch Zitronensäure, entsteht eine Arbeitsweise zwischen Kontrolle und Zufall. Das fand ich anfangs eher schwierig, am Ende aber umso reizvoller, weil es mich, die sonst sehr auf Präzision aus ist, dazu gebracht hat, freier zu arbeiten und aus vermeintlichen Fehlern etwas zu entwickeln.

Eine Herausforderung war die lange Trocknungszeit sowie die Empfindlichkeit des Papiers beim wiederholten Überarbeiten. Gleichzeitig haben genau diese Aspekte auch zu interessanten Oberflächen geführt.

Insgesamt verlangt das Material ein gewisses Umdenken im Umgang mit Prozess und Untergrund. Da sich gezeigt hat, dass die Tinte für sich allein gewisse Grenzen hat, würde ich sie künftig eher in Kombination mit anderen Materialien einsetzen, um mehr Tiefe und Kontrast zu erreichen.

Das Kurzprojekt hat mich auf jeden Fall dazu gebracht, großflächiger zu arbeiten (bzw das stärker auszutesten) und vor allem länger an einer Arbeit dranzubleiben, auch über Phasen hinweg, in denen es zunächst zäh war und nicht direkt weiterging, denn am Ende war ich dann stolz, genau die Phase des Zweifelns überwunden zu haben und das Endergebnis anschauen zu können.

Vielen Dank für das spannende Kurzprojekt und die vielfältigen Erkenntnisse :).

04. Nächstes Kurzprojekt

Für ein weiteres Kurzprojekt würde mich vor allem interessieren, mit verschiedenen Algentinten gleichzeitig zu arbeiten und diese gezielt miteinander zu mischen. Im Austausch mit dem Fachbereich 7 kam ja bereits auf, dass auch andere Farbtöne möglich sind.

Spannend fände ich dabei vor allem, wie sich die Tinten im direkten Zusammenspiel verhalten: ob sich klare Mischfarben ergeben oder eher unerwartete, gebrochene Töne entstehen und wie sich diese im Schichtaufbau verändern.

Darüber hinaus würde ich gern noch stärker mit unterschiedlichen Werkzeugen arbeiten und deren Einfluss auf das Ergebnis untersuchen, also z.B. gezielt zwischen Pinsel, Feder, Finger oder anderen Trägern wechseln und vergleichen, wie sich dadurch Struktur und Ausdruck verändern.

Und ich bin gespannt, ob andere Farbvarianten der Algentinte ebenso beeindruckend leuchten wie es unsere blaue Tinte im UV-Licht tat :).