1. EINLEITUNG

Problemstellung

Der Jugendclub Triebes ist Teil des Kinder- und Jugendvereins „Römer“ e.V. Dieser betreut mehrere Einrichtungen in Zeulenroda-Triebes, einer kleinen Doppelstadt im Osten Thüringens.. Der Verein versteht sich als außerschulischer Lernort und sozialer Begegnungsraum, der Kindern und Jugendlichen Freiraum zur Entfaltung, zur Gemeinschaft und zur Mitgestaltung bietet, unabhängig von Herkunft oder familiärer Situation.

Wenn ich heute in den Jugendclub Triebes komme, ist es anders als früher. Der Verein steckt in einer schwierigen Lage – und wie es mit ihm weitergeht, ist ungewiss.

Was dabei auf dem Spiel steht, ist mehr als eine Freizeiteinrichtung. Für viele Kinder und Jugendliche in Zeulenroda-Triebes ist der Römer einer der wenigen Orte, an dem sie ohne Leistungsdruck zusammenkommen, kreativ werden und soziale Bindungen aufbauen können. Gerade für Personen aus einkommensschwachen Verhältnissen, die auf kostenlose und niedrigschwellige Angebote angewiesen sind, ist sein Verlust kaum zu ersetzen.

Ziel der Arbeit

Diese Arbeit verfolgt zwei miteinander verbundene Ziele. Zum einen soll sie untersuchen, warum der Kinder- und Jugendverein „Römer“ in eine schwierige Lage geraten ist, welche strukturellen, räumlichen und sozialen Faktoren zusammenwirken, ob sie sich gegenseitig bedingen und inwieweit sie durch externe Umstände bedingt sind, auf die der Verein selbst kaum Einfluss hat. Zum anderen soll sie dabei helfen, konkrete Handlungsansätze zu entwickeln, die dem Verein helfen, seine Situation zu verbessern und seine Funktion als möglicher sozialer Anker für junge Menschen in der Region langfristig zu sichern.

Der praktische Schwerpunkt liegt dabei auf dem Jugendclub Triebes, der unter allen Einrichtungen des Vereins am stärksten unter Druck steht. Im Zentrum steht ein partizipativer Designprozess, der gemeinsam mit dem Verein und den Kindern der Regelschule „Georg Kresse“ in Triebes entwickelt wird. Der Fokus liegt hierbei darauf, dass die entwickelten Konzepte kostengünstig umsetzbar sind oder den Verein sogar finanziell entlasten.

Forschungsfragen

Die vorliegende Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Raumtheorie, partizipativem Design und sozialer Infrastruktur. Aus dieser Verortung ergeben sich drei leitende Forschungsfragen, die aufeinander aufbauen:

Die erste Frage stellt die gesellschaftliche Dimension in den Mittelpunkt: Welche Funktion erfüllt ein Kinder- und Jugendverein wie der „Römer“ für junge Menschen in einer strukturschwachen Kleinstadt und was geht verloren, wenn diese Funktion nicht mehr wahrgenommen wird? Sie fragt danach, was auf dem Spiel steht, wenn Orte wie der Römer ihre Bedeutung für eine Gemeinschaft verlieren und schafft damit die Grundlage, auf der die weiteren Fragen aufbauen.

Darauf aufbauend richtet sich die zweite Frage auf die räumliche Dimension: Welche gestalterischen und atmosphärischen Qualitäten lassen einen Jugendclub als vertrauten, zugehörigkeitsstiftenden Ort erleben? Sie zielt darauf ab, theoretische Überlegungen zu Raum, Atmosphäre und Zugehörigkeit in konkrete gestalterische Fragen zu übersetzen.

Die dritte Frage nimmt schließlich die spezifische Situation des Kinder- und Jugendvereins „Römer“ in den Blick: Welche strukturellen, räumlichen und sozialen Faktoren hemmen die Arbeit des Vereins und welche Co-Design-Maßnahmen können diesen Herausforderungen entgegenwirken? Sie verbindet die Analyse des Status quo mit der Suche nach konkreten Handlungsansätzen.

2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN

Identifikation durch Partizipation

Der Begriff des partizipativen Designs wird heute unter verschiedenen Bezeichnungen diskutiert, die sich in Reichweite und Bedeutung unterscheiden. Für diese Arbeit sind dabei vor allem zwei Begriffe relevant, mit denen Sanders und Stappers eine klare Unterscheidung vorschlagen: Während Co-Creation als übergeordneter Begriff jede Form gemeinsamer Kreativität zwischen zwei oder mehr Personen beschreibt, bezeichnet Co-Design den spezifischen Fall, in dem diese gemeinsame Kreativität über den gesamten Designprozess hinweg stattfindet, also von der ersten Idee bis zum fertigen Ergebnis und nicht nur in einzelnen Befragungen oder Tests. 

Mit dem Paradigmenwechsel hin zum Co-Design verändert sich auch die Frage, wer im Designprozess welche Rolle einnimmt. Die Person, für die gestaltet wird, nimmt nun die Rolle einer Expertin oder eines Experten ihrer eigenen Erfahrung ein. Sie bringt ein Wissen mit, das kein außenstehender Designer ersetzen kann, nämlich das Wissen darüber, wie sich ein Ort, ein Angebot oder eine Situation im Alltag anfühlt. Der Designer wiederum wird zum Moderator, dessen Aufgabe es ist, Räume zu schaffen, in denen gemeinsam Ideen entwickelt und ausgedrückt werden können.

Partizipation muss eingeübt werden wie jede andere Praxis auch. Was Jugendliche dabei wirklich bewegt, ist laut PARTISPACE weniger institutionelle Anerkennung als die Suche nach Zugehörigkeit und Identität. Junge Menschen beteiligen sich vor allem dort, wo sie das Gefühl haben, wirklich dazuzugehören, wo ihre Lebensrealität sichtbar wird und wo sie einen Raum nach ihren eigenen Vorstellungen mitgestalten können. Durch gemeinsame Gestaltungsprozesse entdecken junge Menschen die Perspektiven anderer, entwickeln die Fähigkeit zur Zusammenarbeit und erfahren, dass kollektives Handeln wirksam sein kann.

Raumwahrnehmung und räumliche Identität

Die Unterscheidung zwischen einem abstrakten Raum und einem bedeutsamen Ort steht im Zentrum mehrerer raumtheoretischer Ansätze. Auch wenn die verwendeten Begriffe dabei nicht immer übereinstimmen, ist der Grundgedanke oft derselbe: Bedeutsame Räumlichkeit entsteht erst durch menschliche Praxis, nicht durch bloße physische Struktur. Um terminologischer Unklarheit aus dem Weg zu gehen, wird im Folgenden der Begriff des anthropologischen Ortes verwendet. Er eignet sich als Ankerbegriff, weil er nicht bei der physischen Struktur oder der bloßen Nutzung eines Raumes ansetzt, sondern einen Ort beschreibt, der Menschen Identität, soziale Beziehungen und historische Verankerung bietet.

Marc Augé bezeichnet als anthropologischen Ort einen Raum, der drei grundlegende Qualitäten besitzt: Er stiftet Identität, organisiert soziale Beziehungen und ist historisch verankert. Er hat eine Geschichte, die für seine Bewohnerinnen und Bewohner bedeutsam ist und ihnen Orientierung und Zugehörigkeit vermittelt. Ein anthropologischer Ort geht über einen bloßen Aufenthaltsort hinaus: Er gibt Menschen das Gefühl, dazuzugehören und als Teil von etwas erkannt zu werden.

Was auf dem Spiel steht, wenn ein anthropologischer Ort seine Qualitäten verliert, bringt Augé auf den Punkt: Wenn der Ort zerfällt, zerfällt auch die kollektive Identität. Der Rückgang der Besucherzahlen beim Römer wäre nach dieser Aussage vor allem ein Symptom dafür, dass der Ort seine identitätsstiftende Kraft für die heutige Generation junger Menschen noch nicht vollständig entfalten kann, und weniger ein organisatorisches Problem. 

Ein Ort gewinnt seinen Wert durch die Präsenz vertrauter Menschen und die Bindungen, die dort gelebt werden. Für Kinder und Jugendliche gilt das in besonderem Maße. Fürsorge und Vertrautheit schaffen dafür die emotionale Grundlage, dass ein Ort als sicher und bedeutsam erlebt wird. Ein Jugendclub, der dieses Gefühl verkörpert, kann für junge Menschen zu einem zweiten Zuhause werden, weil er ähnliche emotionale Qualitäten trägt: Sicherheit, Zugehörigkeit, das Gefühl, gesehen zu werden. Gerade die materiellen Qualitäten eines Raumes eröffnen dabei besondere soziale Möglichkeiten.

Third Places

Neben dem Zuhause als erstem Ort und der Arbeit oder Schule als zweitem Ort beschreibt Ray Oldenburg eine dritte Kategorie von Orten, die für das soziale Leben moderner Gesellschaften unverzichtbar ist: den Third Place. Oldenburg definiert Third Places als Orte, die regelmäßige, freiwillige, informelle und freudig erwartete Zusammenkünfte von Menschen jenseits von Zuhause und Arbeit beherbergen.

Third Places zeichnen sich durch unstrukturierte, ungeplante Aktivitäten aus. Sie erfordern keine formale Mitgliedschaft und keine Einladung. Sie sind niedrigschwellig zugänglich, sowohl räumlich als auch zeitlich und finanziell. Zudem stellen sie das Gespräch und die soziale Interaktion in den Mittelpunkt, nicht die Leistung oder die Funktion. Entscheidend ist dabei die Atmosphäre der Offenheit: Menschen kommen, weil sie wollen, nicht weil sie müssen.

Sie gelten als das Herzstück des öffentlichen Lebens, weil sie Geselligkeit fördern und einen normativen Rahmen für die Begegnung zwischen Fremden schaffen. Auch aus gesundheitlicher Perspektive sind Third Places bedeutsam. Die soziale Unterstützung, die in ihnen entsteht, wirkt sich nachweislich positiv auf das Wohlbefinden über den gesamten Lebensverlauf aus. Sie ermutigen Menschen zur körperlichen Aktivität und zur sozialen Verbundenheit, beides Faktoren mit klaren gesundheitlichen Auswirkungen. Darüber hinaus bieten sie kostengünstige sozioemotionale Unterstützung und dienen als Schutzräume für vulnerable und isolierte Bevölkerungsgruppen.

Trotz ihrer gesellschaftlichen Bedeutung stehen Third Places unter erheblichem Druck. Eine Analyse der National Establishment Time-Series, einer Datenbank mit Wirtschaftsdaten von über 60 Millionen Einrichtungen in den USA, dokumentiert einen drastischen Rückgang typischer Third-Place-Sektoren zwischen 2008 und 2015. Was dabei verloren geht, ist mehr als eine Dienstleistung oder ein Freizeitangebot. Mit dem Verschwinden von Third Places verlieren Stadtteile Räume, in denen Menschen sozialisieren, spielen, füreinander sorgen und sich als Teil einer Gemeinschaft erleben können. Die Folgen reichen von gesteigerter sozialer Isolation über wachsende Kriminalität bis hin zu gesellschaftspolitischer Polarisierung. Besonders stark betroffen sind Gruppen, die in besonderem Maße auf niedrigschwellige Begegnungsorte angewiesen sind: ältere Menschen, Kinder und Jugendliche, chronisch Kranke sowie sozioökonomisch marginalisierte Bevölkerungsgruppen. Für Kinder und Jugendliche kommt eine weitere Dimension hinzu. Third Places bieten ihnen nicht nur Freizeitgestaltung, sondern einen Raum zur Identitätsentwicklung, zur sozialen Orientierung und zur Erfahrung von Zugehörigkeit jenseits von Familie und Schule.

3. DER KINDER- UND JUGENDVEREIN „RÖMER“

Geschichte, Werte und Struktur

Der Kinder- und Jugendverein „Römer“ Zeulenroda-Triebes e.V. ist ein gemeinnütziger, parteiloser und konfessionell unabhängiger Verein, der sich der offenen Kinder- und Jugendarbeit in der Stadt Zeulenroda-Triebes verschrieben hat. Sein Wertekanon gründet auf den Prinzipien von Gleichheit, Chancengleichheit und demokratischer Teilhabe. Der Römer versteht sich dabei ausdrücklich als vielfältiger, außerschulischer und freiwilliger Lernort, der an den Stärken und Ressourcen junger Menschen ansetzen will. Der Verein fordert Kinder und Jugendliche ausdrücklich dazu auf, ihre Ideen, Interessen und Bedürfnisse einzubringen, und ermöglicht ihnen dabei die Übernahme eigenverantwortlicher Aufgaben.

Viele der jungen Menschen, die den Römer aufsuchen, sind mit belastenden Lebensumständen wie familiären Problemen, Mobbing, finanziellen Schwierigkeiten oder suchtbezogenen Themen konfrontiert. Anstatt mit einem defizitorientierten Hilfsangebot, begegnet der Verein dem mit dem Anspruch, einen Ort zu schaffen, an dem sich junge Menschen willkommen und gehört fühlen.

Angebote und Standorte

Der Kinder- und Jugendverein „Römer“ betreibt mehrere Einrichtungen in Zeulenroda-Triebes, die sich in Atmosphäre, Ausrichtung und Zielgruppe voneinander unterscheiden und damit gemeinsam ein breites Spektrum junger Menschen ansprechen.

Das namensgebende Herzstück des Vereins ist der Jugend- und Freizeitpark „Römer“, ein Haus der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Zeulenroda. Neben einem Jugendclub zur Freizeitbetreuung verfügt die Einrichtung über eine große Veranstaltungshalle sowie ein weitläufiges Außengelände mit Volleyballfeld, Skaterbahn und einer Multifunktionssportfläche. Das inhaltliche Angebot reicht von kreativen Werkstätten, einer Koch-AG und Ferienbetreuung über Filmabende und Gesellschaftsspiele bis hin zu Graffiti-Workshops und kulturellen Veranstaltungen. Ein jährlich stattfindendes Römerfest  lädt zum Beispiel die gesamte Stadtbevölkerung ein, die Einrichtung kennenzulernen und gemeinsam aktiv zu werden.

Eine deutlich andere Atmosphäre prägt das Schieszhaus in Zeulenroda, das sich bewusst als alternatives Haus und Ort der Subkultur versteht. Seit über 25 Jahren bietet es Jugendlichen einen Raum jenseits des Mainstreams. Neben einer Skate- und BMX-Anlage sowie musikalischen und künstlerischen Angeboten finden hier regelmäßig Konzerte verschiedenster Stilrichtungen statt. Das Schieszhaus legt besonderen Wert auf Kommunikation und demokratisches Miteinander: Veranstaltungen werden gemeinsam mit den Jugendlichen auf Augenhöhe entwickelt und umgesetzt.

Der Jugendclub Triebes, der im Mittelpunkt dieser Masterarbeit steht, zeichnet sich durch eine besonders liebevoll gestaltete, wechselnde Raumgestaltung aus. Die Einrichtungsleiterin setzt saisonale und thematische Dekorationen konsequent bis ins Detail um und schafft damit eine unverwechselbare Atmosphäre. Das Angebot umfasst Basteln, Malen, Gemeinschaftsspiele sowie gemeinsame Ausflüge und abwechslungsreiche Ferienangebote, bietet aber ebenso Raum für ruhigere Momente und das einfache Zusammensein mit Freunden. Wie in allen Einrichtungen des Vereins wird auch hier ein offenes Ohr für persönliche Sorgen und schulische Herausforderungen angeboten.

Herausforderungen des Vereins

Die wohl drängendste Herausforderung, mit der der Kinder- und Jugendverein „Römer“ konfrontiert ist, ist  die Finanzierung. Der Verein wird heute ausschließlich über den Jugendförderplan der Stadt Zeulenroda-Triebes finanziert – eine Situation, die sich in den vergangenen Jahren schrittweise verschärft hat. Was einst eine Drittelfinanzierung aus Land, Stadt und Landkreis war, ist auf eine einzige Förderquelle zusammengeschrumpft, nachdem Land und Landkreis ihre Mittel zurückgezogen haben. Aktuell erhält der Verein über diesen Plan rund 100.000 Euro jährlich. Dieser Betrag deckt die laufenden Kosten jedoch kaum, da das Geld ausschließlich für die Nettolöhne der vier ausgebildeten Fachkräfte vorgesehen ist. Mit steigenden Löhnen bei gleichbleibenden Fördermitteln hat der Verein über die Jahre die Wochenstunden seiner Mitarbeitenden reduziert, was sich direkt auf die Kontinuität der Öffnungszeiten und damit auf die Verlässlichkeit des Angebots auswirkt . Darüber hinaus hat der Verein seine Sozialarbeiterstellen verloren, sodass die Aufgaben der Streetwork nun zusätzlich von den bestehenden Mitarbeitenden aufgefangen werden müssen.

Unter allen Einrichtungen des Vereins ist der Jugendclub Triebes derjenige, der am stärksten unter Druck steht. Weder in der Schulzeit noch in den Ferien wird die Einrichtung nennenswert besucht. Die Ursachen dafür sind vielschichtig und bedingen sich gegenseitig. Ein zentrales Problem ist die räumliche Situation. Der Jugendclub ist im Rathaus von Triebes untergebracht: Miete, Strom und Internet werden von der Stadt getragen, aber der zur Verfügung stehende Raum ist klein: Bei acht bis zehn Anwesenden ist die Kapazitätsgrenze bereits erreicht. Privatsphäre ist kaum möglich, und die räumliche Enge lässt wenig Spielraum für unterschiedliche Aktivitäten oder Rückzugsmöglichkeiten. Auch eine Außenfläche, die in anderen Einrichtungen des Vereins eine wichtige Rolle spielt, fehlt dem Jugendclub Triebes vollständig.

Einrichtungsleiterin Simone Schulz ist aktuell an zwei Wochentagen zur Unterstützung im Jugend- und Freizeitpark „Römer“ eingeteilt, weshalb der Jugendclub Triebes derzeit nur noch donnerstags und freitags geöffnet hat, statt der ursprünglichen vier Tage von Dienstag bis Freitag. Eine solch reduzierte Präsenz erschwert es, Kontinuität und Verlässlichkeit aufzubauen, die für den Aufbau einer stabilen Besuchergruppe unabdingbar sind. Dazu kommt ein generationeller Bruch, der sich durch die Corona-Pandemie weiter vertieft hat.

Der Rückgang der Besucherzahlen hat dabei eine weitere, weniger offensichtliche Konsequenz: Er hat schrittweise auch kleinere Einnahmequellen des Clubs zum Versiegen gebracht. Früher gab es im Jugendclub Triebes ein einfaches Angebot an Essen und Getränken, das zwar keinen großen Umsatz generierte, aber einen Beitrag zur Finanzierung leistete. Als die Besucherzahlen sanken, verdarben Lebensmittel, bevor sie konsumiert wurden, weshalb die Verpflegung eingestellt werden musste. Ähnliches gilt für Ferienangebote, bei denen früher ein kleiner Unkostenbeitrag erhoben wurde, etwa wenn gemeinsam gebacken oder gekocht wurde. Auch das ist weggefallen, weil es ohne eine verlässliche Gruppe an Besucherinnen und Besuchern schlicht nicht umsetzbar ist.

4. DEFINITION DER ZIELGRUPPE

Kinder und Jugendliche in einer schrumpfenden Stadt

Die Zielgruppe dieser Arbeit deckt sich mit der des Kinder- und Jugendvereins „Römer“: grundsätzlich alle Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einem Alter zwischen 10 und 27 Jahren in Zeulenroda-Triebes. Der demografische Kontext, in dem diese Zielgruppe lebt, ist dabei nicht zu vernachlässigen. Laut den Daten des Thüringer Landesamts für Statistik aus dem Jahr 2024 zählte Zeulenroda-Triebes 15.677 Einwohnerinnen und Einwohner.

Die Regelschule Triebes im Fokus

Wenn man den Blick von der Doppelstadt auf Triebes selbst verengt, wird das Bild noch deutlicher. Triebes hat laut aktuellen Bevölkerungsdaten rund 2.770 Einwohnerinnen und Einwohner, von denen 355 zwischen 0 und 17 Jahre alt sind. Das ist ein kleiner Pool. Gleichzeitig ist das Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche in Triebes überschaubar. Es gibt einige Vereine, die Kindern eine sinnvolle Beschäftigung bieten können. Was diese Angebote jedoch gemeinsam haben: Sie folgen dem Prinzip fester Termine und strukturierter Mitgliedschaft. Das entspricht genau nicht dem, was Third Places ausmacht, nämlich die Möglichkeit zur ungeplanten, freiwilligen und niedrigschwelligen Begegnung.

Der direkteste Weg zu den Kindern in Triebes führt über die Grundschule sowie die Regelschule „Georg Kresse“, die beide unter einem Dach vereint sind. Die Grundschule zählt aktuell 124 Schülerinnen und Schüler, die Regelschule 194. Als zentraler Sammelpunkt der Kinder und Jugendlichen in Triebes bietet die Schule den direktesten Zugang zu einem Großteil der potenziellen Besucherinnen und Besucher des Jugendclubs. Gleichzeitig kämpft auch die Schule selbst mit strukturellen Problemen. Lehrermangel führt zu reduziertem Unterricht, ausgefallenen Stunden und Fächern, die kaum noch stattfinden. Besonders betroffen ist der Kunstunterricht in der Regelschule, der aktuell weitgehend wegfällt. Das einzige Schulfach, das gezielt kreative Fähigkeiten fördern soll, kommt damit in einer entscheidenden Entwicklungsphase kaum zum Tragen.

Innerhalb dieser Gruppe kommt den Fünftklässlerinnen und Fünftklässlern eine besondere Bedeutung zu. In den Jahrgängen eins bis vier gibt es einen schulischen Hort, der die Nachmittagsbetreuung übernimmt. Mit dem Übergang in die Regelschule fällt dieses Angebot weg. Diese Lücke könnte der Jugendclub Triebes sinnvoll füllen.

5. KONZEPT

Der Weg zum angesagten Third Place

Die Analyse des Jugendclubs in Triebes hat gezeigt, dass das Problem nicht mit einer einzelnen Maßnahme gelöst werden kann. Es reicht nicht, einfach ein neues Angebot zu schaffen und zu hoffen, dass Kinder kommen. Was fehlt, ist ein strukturierter Weg, der Kinder schrittweise an den Club heranführt und langfristig bindet. Dieser Weg lässt sich in drei aufeinander aufbauende Stufen gliedern.

Die erste Stufe ist das Verstehen. Bevor man handeln kann, muss man wissen, wie der Club bei seiner Zielgruppe wahrgenommen wird. Eine Umfrage mit 28 der 29 Fünftklässlern und Fünftklässlerinnen der Regelschule „Georg Kresse“, liefert dazu ein eindeutiges Bild: Nicht das Angebot des Clubs ist das Problem, sondern seine Sichtbarkeit. 89 Prozent der befragten Kinder kannten den Jugendclub Triebes nicht. Diese Erkenntnis hat die weiteren Entscheidungen dieses Konzepts direkt beeinflusst.

Die zweite Stufe ist das Aufmerksammachen. Es braucht einen ersten Kontaktpunkt, der nicht nur informiert, sondern auch Lust macht. Dafür wurde ein Kreativworkshop in der Schule durchgeführt, bei dem die Fünftklässler und Fünftklässlerinnen während der Schulzeit etwas mit ihren Händen schaffen konnten. Der Workshop hatte zwei Ziele gleichzeitig: Er hat den Jugendclub vorgestellt und gezeigt, was dort möglich ist, und er hat den Kindern ein erstes kreatives Erlebnis gegeben, das mit dem Club verbunden ist.

Die dritte Stufe ist die langfristige Bindung, und sie ist die entscheidende. Kinder müssen einen Grund haben, immer wieder zu kommen. Und sie müssen das Gefühl entwickeln, dass dieser Ort auch ihnen gehört. Das gelingt vor allem dadurch, dass sie ernst genommen werden und merken, dass ihre Ideen und ihre Anwesenheit tatsächlich etwas verändern. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das, was Lofland als Triangulation beschreibt: ein gemeinsames externes Element, das als Begegnungsanlass dient und soziale Distanz abbaut.

Der Jugendclub als kreatives Ventil

Der Jugendclub Triebes hat eine klare Stärke: Kreativität. Wie in der Zielgruppenanalyse beschrieben, fällt der Kunstunterricht an der Triebeser Regelschule aufgrund von Lehrermangel aktuell weitgehend aus. Der Jugendclub kann diese Lücke nicht ersetzen, aber er kann einen Raum schaffen, in dem kreatives Arbeiten wieder möglich wird.

Konkret soll ein wöchentlicher Kreativtreff eingeführt werden, der sogenannte Creative Club. Er findet zu einem festen Termin statt und bietet den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, gemeinsam an unterschiedlichen kreativen Projekten zu arbeiten. Die Projekte wechseln und decken verschiedene Medien und Techniken ab, von Basteln und Malen über dreidimensionale Objekte bis hin zu anderen handwerklichen Formaten. 

Kooperation mit der Regelschule

Der Creative Club ist als eigenständiges Angebot des Jugendclubs gedacht und funktioniert vorerst auch ohne externe Unterstützung. Da aktuell ausreichend Material vorhanden ist, fallen zunächst keine nennenswerten Kosten an. Langfristig soll das Angebot jedoch auf eine stabilere Grundlage gestellt werden, und dafür bietet die Regelschule in Triebes eine konkrete Möglichkeit.

Die Schule bietet Nachmittagsangebote in Form von Interessengemeinschaften, kurz IGs, an. Diese ermöglichen Schülerinnen und Schülern, ihre Interessen und Talente außerhalb des regulären Lehrplans zu entfalten. Eine IG mit freier Gestaltung als Schwerpunkt existiert bislang nicht. In Gesprächen mit der Schule wurde bereits geklärt, dass eine solche IG im Jugendclub Triebes räumlich, inhaltlich und organisatorisch umsetzbar wäre.

Diese Kooperation hätte mehrere Vorteile gleichzeitig. Sie würde dem Club eine feste Gruppe an Besucherinnen und Besuchern garantieren, die regelmäßig und verlässlich kommt. Sie würde dem Verein eine zusätzliche Einnahmequelle erschließen, ohne dass dafür neue Fördermittel beantragt werden müssten, da IG-Leitungen einen Stundenlohn sowie ein Budget für Materialkosten erhalten. Und sie könnte Simone Schulz oder einer anderen geeigneten Person ermöglichen, eine bezahlte Stunde pro Woche mehr im Club zu arbeiten, was einen kleinen, aber realen Beitrag zur Lösung des Stundenproblems bietet, das den Verein seit Jahren belastet.

Die Anmeldung für neue IGs ist schulintern jeweils im Oktober für das kommende Schuljahr möglich. Bis dahin läuft der Creative Club als vereinseigenes Angebot und kann in dieser Zeit Erfahrungen sammeln, das Format weiterentwickeln und eine erste Besuchergruppe aufbauen, auf der die spätere IG aufbauen kann.

Was eine stabile Besuchergruppe ermöglicht

Das Ziel des Creative Clubs ist zunächst ein pädagogisches: Kindern einen Ort zu geben, an dem sie sich entfalten, mitgestalten und dazugehören können. Aber eine wachsende und verlässliche Besuchergruppe hätte darüber hinaus Konsequenzen, die für die langfristige Stabilität des Vereins ebenso relevant sind.

Die unmittelbarste betrifft die Finanzierung. Essens- und Ferienangebote könnte bei stabiler Auslastung als niedrigschwellige Ergänzung schrittweise wieder eingeführt werden, die den Club für die Kinder attraktiver macht und gleichzeitig einen finanziellen Beitrag leistet. Eine zweite Perspektive betrifft die Förderlogik. Anhaltender und nachweisbarer Besuch ist ein Argument, dass der Verein relevant ist und seine Funktion als sozialer Anker tatsächlich erfüllt. Das kann die Position des Vereins bei zukünftigen Förderanträgen stärken und das Gespräch mit der Stadt über eine breitere finanzielle Grundlage erleichtern.

6. METHODIK

Co-Design

Der methodische Ansatz dieser Arbeit basiert auf den Prinzipien des Co-Designs.  In dieser Arbeit bedeutet das konkret: Der Kinder- und Jugendverein „Römer“ fungiert als aktiver Mitgestalter, der den gesamten Prozess begleitet und mitprägt, statt lediglich als Auftraggeber ein fertiges Konzept entgegenzunehmen. Am Ende des Projekts soll ein Konzept stehen, das die Situation des Jugendclubs verbessert und das der Verein zugleich versteht, mitträgt und eigenständig weiterentwickeln kann.

Die zentrale Ansprechpartnerin für dieses Projekt ist Simone Schulz, Betreuerin des Jugendclubs Triebes, auf den sich diese Arbeit schwerpunktmäßig konzentriert. Sie ist von der ersten Problemsichtung über die Konzeptentwicklung bis hin zur Bewertung von Ideen und Ergebnissen durchgehend eingebunden gewesen. Darüber hinaus wurden je nach Thema und Fragestellung weitere Mitarbeitende des Vereins einbezogen, etwa wenn es um spezifische Angebote oder andere Einrichtungen des Vereins geht.

Umfrage

Um ein besseres Bild davon zu bekommen, wie der Jugendclub Triebes bei seiner Kernzielgruppe wahrgenommen wird, wurde eine schriftliche Umfrage mit den Fünftklässlerinnen und Fünftklässlern der Regelschule „Georg Kresse“ durchgeführt. Die Umfrage hatte das Ziel zu zeigen, wie bekannt der Jugendclub in dieser Gruppe ist, wer ihn bereits besucht hat, was die Kinder dort schätzen oder was sie abhält, und welche Wünsche sie an einen solchen Ort haben.

Geschlossene Fragen ermöglichten es, Antworten direkt zu vergleichen und ein klareres Bild der Gesamtsituation zu gewinnen. Offene Fragen ergänzten das, indem sie den Kindern Raum gaben, ihre Meinung in eigenen Worten zu formulieren, was bei reinen Auswahlformaten verloren gehen würde. Die Kinder konnten den Bogen mit nach Hause nehmen und ihn ausgefüllt bei ihrem Klassenlehrer oder ihrer Klassenlehrerin abgeben. So hatten sie die Möglichkeit, in Ruhe zu antworten, statt unter Zeitdruck in der Schule schnelle Antworten zu geben.

Workshop

Ein zentrales Element des Designprozesses war ein Kreativworkshop, der gemeinsam mit Simone Schulz und den Fünftklässlern sowie Fünftklässlerinnen der Triebeser Regelschule durchgeführt wurde. Ziel des Workshops war es, sowohl ein kreatives Erlebnis zu schaffen, als auch den Jugendclub Triebes als Ort in das Bewusstsein der Kinder zu bringen und somit eine erste persönliche Verbindung herzustellen, auf der der Creative Club aufbauen kann. Gleichzeitig wurde authentisches Material in Form der Ergebnisse sowie einer fotografischen Dokumentation erzeugt, das für die spätere Kommunikation des Vereins genutzt werden kann.

Service Blueprint

Der Service Blueprint ist ein Visualisierungswerkzeug, das die Prozesse und Beziehungen hinter einem Dienstleistungsangebot sichtbar macht. Anders als Methoden, die primär die Nutzerperspektive abbilden, richtet der Service Blueprint den Blick gleichzeitig auf das, was Nutzerinnen und Nutzer erleben, und auf das, was intern notwendig ist, um dieses Erlebnis zu ermöglichen.

Für diese Arbeit wurde der Service Blueprint eingesetzt, um das Konzept des Creative Clubs strukturiert zu planen und zu dokumentieren. Da der Creative Club im Rahmen dieser Masterarbeit konzipiert, aber noch nicht durchgeführt wurde, erlaubte das Werkzeug, das geplante Angebot aus mehreren Perspektiven gleichzeitig zu durchdenken, mögliche Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und die Abhängigkeiten zwischen dem Erlebnis der Kinder und den organisatorischen Voraussetzungen des Vereins sichtbar zu machen.

7. PRAKTISCHE UMSETZUNG

Auswertung der Umfrage

Das auffälligste Ergebnis der Umfrage ist zugleich das grundlegendste. Auf die Frage, ob die Fünftklässler und Fünftklässlerinnen der Regelschule den Jugendclub Triebes kennen oder schon einmal dort waren, antworteten 25 von 28 Kindern, also 89 Prozent, mit: Nein, ich kenne ihn nicht. Lediglich zwei Kinder kannten ihn dem Namen nach, ohne je dort gewesen zu sein, und nur ein einziges Kind hatte den Club tatsächlich besucht.

Dieser Befund ist ernüchternd, aber auch aufschlussreich. Er zeigt, dass das Problem des Jugendclubs Triebes in dieser Altersgruppe nicht in erster Linie ein Problem der Angebote ist. Er ist schlichtweg unsichtbar für seine Zielgruppe.

Die Antworten auf die Folgefrage verstärken dieses Bild. Auf die Frage, warum sie den Club noch nie besucht haben, gaben 23 Kinder an, nicht gewusst zu haben, dass es ihn gibt. Acht wussten nicht, wo er sich befindet. Zwei gaben an, sich nicht sicher zu sein, was sie erwartet, und ebenfalls zwei kreuzten an, dass es sie nicht interessiert.

Dass der Jugendclub das Potenzial hat, diese Zielgruppe anzusprechen, zeigen die Antworten auf die Frage nach gewünschten Aktivitäten. Am häufigsten genannt wurde der Wunsch, Freunde zu treffen, gefolgt von Brett- oder Videospielen und einfach Abhängen. Basteln, Hausaufgaben und Draußenspielen wurden auch erwähnt, aber deutlich seltener als Antwort geschrieben. Diese Wünsche decken sich gut mit dem, was der Jugendclub Triebes bereits anbietet und was Einrichtungsleiterin Simone Schulz verkörpert: ein offener Ort, an dem man zusammenkommt, spielt und sich ohne Leistungsdruck aufhält.

Noch aufschlussreicher als die Aktivitätswünsche sind die Antworten auf die Frage nach den Qualitäten, die ein Jugendclub aus Sicht der Kinder mitbringen sollte. Mit 26 Stimmen wurde nette Betreuung mit Abstand am häufigsten gewählt. Es zeigt, dass Kinder in diesem Alter die Qualität einer Einrichtung primär über die Menschen darin bewerten, nicht über Ausstattung oder Programm. Dicht dahinter folgen das Ausprobieren neuer Dinge (18 Stimmen) und das Gefühl, willkommen zu sein (17 Stimmen). Beide Werte bestätigen die theoretische Grundlage dieser Arbeit: Kinder suchen keine perfekt ausgestattete Freizeiteinrichtung, sondern einen Ort, der sie einlädt, sich zu entfalten, und an dem sie das Gefühl haben, dazuzugehören. Bemerkenswert ist auch, dass Mitbestimmung im Club von 11 Kindern gewählt wurde und damit mehr Stimmen erhielt als beispielsweise Hausaufgabenhilfe (3 Stimmen) oder Hilfe bei privaten Problemen (3 Stimmen). Das ist kein überwältigendes Ergebnis, aber es signalisiert, dass der Wunsch nach Mitgestaltung in dieser Altersgruppe durchaus vorhanden ist und nicht nur eine Erwachsenenkategorie darstellt.

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, den Club zu besuchen, antworteten nur drei Kinder mit einem klaren Nein. Vier zeigten konkretes Interesse, sechs weitere würden kommen, wenn das Angebot sie anspricht, und ein Kind antwortete nicht auf diese Frage. Die größte Gruppe mit 14 Kindern, also die Hälfte, ist sich unsicher. Diese Unsicherheit lässt sich eher als offene Tür lesen denn als Desinteresse. Sie beschreibt Kinder, die noch keinen Grund hatten, sich eine Meinung zu bilden, weil der Club für sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht existierte.

Kreativworkshop

Um den Workshop zu planen, musste eine grundlegende Frage geklärt werden: Was lässt sich mit Fünftklässlern und Fünftklässlerinnen in rund 90 Minuten umsetzen, das gleichzeitig Spaß macht, Kreativität fördert und individuelle Ergebnisse ermöglicht?

Den entscheidenden Fund machte eine Inventur des Jugendclubs: In einer Kiste entdeckten wir eine größere Anzahl schlichter Holzfiguren, bestehend aus einem zylindrischen Körper und einem runden Kopf. Diese Figuren boten eine ideale Grundlage: ein einheitliches Ausgangsformat, das von jedem Kind auf eigene Weise gestaltet werden kann und völlig individuelle Ergebnisse ermöglicht. Jedes Kind konnte selbst entscheiden, wie viel Aufwand es betreibt, welche Materialien es verwendet und welchen Charakter die jeweilige Figur annimmt.

Als Gestaltungsmaterialien standen Marker, Filzstifte, Filz, Moosgummi, Papier, Wolle, Bänder, Perlen, Scheren, Kleber und Heißkleber zur Verfügung. Simone und ich testeten das Format erneut und waren nach etwa 40 Minuten fertig. Das ist ein Ergebnis, das zeitlich gut in den geplanten Rahmen von 90 Minuten passte, da zu Beginn des Workshops noch Zeit für Begrüßung, Vorstellung des Jugendclubs und eine kurze Einführung in die Aufgabe eingeplant werden musste.

Zu Beginn stellten Simone Schulz und ich uns vor und erklärten, was der Jugendclub Triebes ist, wo er sich befindet und was Kinder dort erwartet.  Nach der kurzen Einführung in die Aufgabe zeigte sich, dass die Kinder deutlich weniger zögerlich waren als antizipiert. Die meisten kamen unmittelbar nach vorne, wählten eine Figur und begannen ohne Umschweife mit der Gestaltung. Um die Atmosphäre des Workshops bewusst von einer regulären Schulstunde abzuheben, brachten wir ein Radio mit. Die Wirkung war spürbar: Die Kinder arbeiteten entspannt, sprachen miteinander und der Raum fühlte sich eher wie ein Nachmittag im Jugendclub an als wie eine Unterrichtsstunde.

Simone bewegte sich während des gesamten Workshops durch den Raum, beobachtete den Fortschritt der einzelnen Kinder und unterstützte dort, wo Hilfe gefragt war. Dabei war ihre Art der Unterstützung charakteristisch für ihren pädagogischen Ansatz: Sie zeigte nicht einfach, wie etwas geht, sondern erklärte so, dass die Kinder die Technik selbst anwenden konnten. Ihr Humor und ihre Leichtigkeit im Umgang mit den Kindern trugen wesentlich zur Stimmung bei und hinterließen als erste persönliche Begegnung mit der Einrichtungsleiterin des Jugendclubs einen prägenden Eindruck.

Die 29 Schülerinnen und Schüler fertigten insgesamt 39 Figuren an. Mehrere Kinder fragten nach Fertigstellung ihrer ersten Figur, ob sie weitere gestalten dürften, was sowohl die Begeisterung für das Format als auch das Engagement der Gruppe widerspiegelt. Am Ende jeder Session fand ein kurzes Feedbackgespräch statt. Die Kinder bestätigten, dass ihnen der Workshop gefallen hatte, und stellten noch weitere Fragen über den Jugendclub. Einige äußerten sogar konkret den Wunsch, ihn in Zukunft zu besuchen.

Der Service Blueprint des Creative Clubs

Der Service Blueprint macht sichtbar, was das Konzept des Creative Clubs für die Kinder und den Verein als Organisation in der Praxis bedeutet. Auf der Ebene der Kinder zeigt er den Weg vom ersten Aufmerksamwerden bis zur zunehmenden Mitbestimmung als regelmäßige Besucherinnen und Besucher. Auf der organisatorischen Ebene wird deutlich, welche Voraussetzungen dafür im Hintergrund erfüllt werden müssen: von der Sessionplanung und Materialbeschaffung bis hin zur langfristigen Sicherung der Schulkooperation und Finanzierung.

Dabei ist die Zeitachse des Blueprints bewusst so angelegt, dass sie zwei Dimensionen gleichzeitig sichtbar macht. Auf der einen Seite steht der einzelne Besuch mit seinem konkreten Ablauf, von der Ankunft bis zum Aufräumen. Auf der anderen Seite steht die langfristige Entwicklung, die sich über Wochen und Monate entfaltet und in der aus einem Erstkontakt eine vertraute Umgebung wird, aus einem neugierigen Kind ein regelmäßiger Gast und aus einem Gast irgendwann ein Mitgestalter. Diese beiden Ebenen lassen sich nicht voneinander trennen, weil die eine ohne die andere nicht funktioniert.

Visuelle Kommunikation des Creative Clubs

Bevor konkrete Werbematerialien entwickelt werden konnten, musste eine grundlegende Frage geklärt werden: Über welche Kanäle lässt sich die Zielgruppe mit den Mitteln erreichen, die der Jugendclub tatsächlich hat? Die Entscheidung fiel auf physische Werbemittel. Dies ist eine Art der Kommunikation, die zum Charakter des Jugendclubs passt: selbst gestaltet, lokal verankert, haptisch erfahrbar.

Der Grundgedanke der Drucke bestand darin, die Kinder mit ihren eigenen Kreationen anzulocken. Die Figuren, die die Fünftklässler und Fünftklässlerinnen im Kreativworkshop gestaltet hatten, wurden als zentrales Bildelement der Werbung eingesetzt. Die Grundeinheit des Systems ist ein Quadrat. Jedes Quadrat kann für sich allein stehen oder mit anderen kombiniert werden. Die Besonderheit liegt in der Verwendung der Figuren, die im Kreativworkshop entstanden sind: Jede Figur wurde in zwei Hälften geteilt – Kopf und Körper – und an den Kanten der Quadrate positioniert, sodass jeweils eine Hälfte sichtbar ist und die andere scheinbar abgeschnitten wurde. Sobald mehrere Quadrate nebeneinandergelegt werden, setzen sich diese Hälften neu zusammen: Der Kopf einer Figur verbindet sich mit dem Körper einer anderen, und es entstehen vollständig neue, so nie dagewesene Kombinationen. 

Dieses Prinzip steht inhaltlich für das, was der Creative Club leisten soll: Kinder bringen ihre individuellen Ideen mit und setzen sich im gemeinsamen Tun neu zusammen.

Für das Logo des Creative Clubs wurde eine stilisierte Wortmarke entwickelt, die bewusst im Kontrast zu den handgemachten, individuellen Figuren der Kinder steht. Die Farbwahl orientiert sich an den Hauptfarben des Kinder- und Jugendvereins „Römer“: Blau und Gelb. Das Ultramarinblau steht für Verlässlichkeit und Vertrauen – Qualitäten, die für einen Ort, der Kinder langfristig binden soll, zentral sind. Das warme Gelb vermittelt Offenheit und eine einladende Atmosphäre und signalisiert, dass man hier willkommen ist (Abb. 48).

Um die Natur des Creative Clubs direkt im Schriftbild zu verankern, wurden einzelne Buchstaben des Wortes Creative gezielt stilisiert. Das Wort Club wurde in einer Schriftart geschrieben, die eine Handschrift imitiert und ergänzt die technisch-stilisierten Buchstaben von Creative um eine persönliche, handgemachte Qualität.

Das System gliedert sich in zwei Typen von Quadraten. Die einen tragen inhaltliche Informationen in ihrer Mitte, die anderen dienen rein als visuelles Marketing. Wenn sich Informationen ändern, muss nicht das gesamte Druckprodukt ersetzt werden, es genügt, das entsprechende Quadrat auszutauschen. Das macht das System nicht nur visuell flexibel, sondern auch praktisch und kostengünstig in der Pflege.

Die Quadrate wurden in zwei Formaten gedruckt: 12 × 12 Zentimeter und 6 × 6 Zentimeter, wobei die kleineren Varianten für mehr Abwechslung mit anderen Figuren versehen wurden. Die größeren Quadrate übernehmen die Hauptkommunikation, während die kleineren Quadrate das System an weiteren Punkten im öffentlichen Raum ergänzen. Eine weitere Variante der kleinen Quadrate wurde beidseitig bedruckt. Diese gibt es in vierfacher Ausführung, die als Visitenkarte des Creative Clubs dient.

Die Anordnung der Quadrate ist bewusst nicht endgültig gedacht. Da jedes Quadrat lose bleibt und nicht fest montiert wird, kann die Komposition jederzeit verändert werden, sei es durch Simone und mich, um neue Kombinationen zu erzeugen und das System auch nach längerer Zeit noch ansprechend zu halten, oder durch Schülerinnen und Schüler sowie alle anderen, die selbst Lust haben, mit den Figuren zu experimentieren. Diese Offenheit setzt den Gedanken der Mitgestaltung, der den gesamten Creative Club prägt, auf der Ebene der Werbung fort: Wer ein Quadrat verschiebt, gestaltet aktiv mit, wie der Club nach außen wirkt.

7. Fazit und Reflexion

Der aktuelle Stand

Die praktische Umsetzung dieser Arbeit befindet sich aktuell in einem laufenden Prozess. Auch wenn das Konzept noch nicht ganz umgesetzt wurde, haben die Bemühungen bereits Früchte getragen.

Die Workshops in der Regelschule „Georg Kresse“ haben bei einem Teil der Fünftklässlerinnen und Fünftklässler etwas ausgelöst. Einige von ihnen haben den Jugendclub Triebes an den folgenden Tagen besucht und ihn näher kennengelernt. Das Basteln der Puppen kam wohl so gut an, dass sie im Club direkt weitere bastelten. Darüber hinaus spielten die Kinder Brett- und Videospiele miteinander, hörten Musik und wurden mit dem Ort und Simone vertrauter. Einige dieser Kinder haben darüber hinaus Freunde aus anderen Klassenstufen mitgebracht und ihnen den Club vorgestellt. Seit mehreren Wochen sind nun kontinuierlich jeden Donnerstag und Freitag sechs bis acht Kinder im Club. So voll war der Triebeser Jugendclub schon lange nicht mehr.

Der Creative Club als formales Angebot steht noch aus, und der IG-Status an der Regelschule kann frühestens im Oktober beantragt werden. Aber die Bewegung, die entstanden ist, zeigt, dass das Konzept trägt, auch bevor es vollständig umgesetzt ist.

Beantwortung der Forschungsfragen

Welche Funktion erfüllt ein Kinder- und Jugendverein wie der „Römer“ für junge Menschen in einer strukturschwachen Kleinstadt und was geht verloren, wenn diese Funktion nicht mehr wahrgenommen wird?

Der Kinder- und Jugendverein „Römer“ erfüllt in Zeulenroda-Triebes eine Funktion, die weit über das hinausgeht, was eine Freizeiteinrichtung im engeren Sinne leistet. Er ist, wie der Theorieteil dieser Arbeit gezeigt hat, ein anthropologischer Ort im Sinne Augés: ein Raum, der Identität stiftet, soziale Beziehungen organisiert und historisch in der Lebenswelt junger Menschen verankert ist. Als Third Place bietet er das, was weder Schule noch Familie ersetzen können – einen Ort der freiwilligen, ungeplanten Begegnung, an dem Kinder und Jugendliche ohne Leistungsdruck zusammenkommen, kreativ werden und soziale Bindungen aufbauen können.

Besonders bedeutsam ist dabei der niedrigschwellige Zugang des Vereins. Sein Angebot steht allen offen, unabhängig von Herkunft oder finanzieller Situation. Gerade für Kinder aus einkommensschwachen Verhältnissen oder belastenden familiären Umständen ist der Römer häufig einer der wenigen Orte, an dem ihre Meinung gehört wird, an dem sie aktiv mitgestalten können und an dem echte, nicht digitale Begegnung möglich ist. Diese Erfahrungen sind nicht nur schön – sie sind entwicklungsrelevant. Wer früh lernt, dass die eigene Stimme zählt und dass kollektives Handeln etwas bewirken kann, trägt diese Erfahrung ins Erwachsenenleben mit.

Was verloren geht, wenn ein solcher Ort seine Funktion nicht mehr erfüllt, lässt sich für Zeulenroda-Triebes konkret benennen: In einer Stadt, die ohnehin mit Abwanderung, eingeschränkter Infrastruktur und wenigen Angeboten für junge Menschen kämpft, fällt damit einer der letzten stabilen sozialen Anker weg. Für manche Heranwachsende würde das bedeuten, keinen Ort mehr zu haben, der sie auffängt.

Welche gestalterischen und atmosphärischen Qualitäten lassen einen Jugendclub als vertrauten, zugehörigkeitsstiftenden Ort erleben?

Die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit, gestützt auf Tuan, Augé, Böhme und Farrugia & Wood, zeigen übereinstimmend: Zugehörigkeit ist eine Frage der Erfahrung, nicht der Ausstattung. Ein Jugendclub wird dann als vertrauter Ort erlebt, wenn Kinder das Gefühl entwickeln, dass er auch ihnen gehört. Das wird erreicht, indem ihre Ideen zählen, ihre Anwesenheit bemerkt wird und ihre Beiträge sichtbar bleiben.

Der Creative Club setzt genau hier an. Durch die Möglichkeit, gemeinsam an kreativen Projekten zu arbeiten, entwickeln Kinder über die Zeit eine Bindung zum Jugendclub Triebes, die aus echter Mitgestaltung entsteht. Wenn im Club Dinge gebastelt werden, die dort als Dekoration bleiben, hinterlassen Kinder buchstäblich eine Spur von sich – und der Raum wird ein Stück weit zu ihrem eigenen. Die Sozialisierung, die dabei entsteht, vertieft sich mit jedem Besuch: aus Fremden werden Bekannte, aus Bekannten Freunde.

Was der Kreativworkshop darüber hinaus gezeigt hat, ist, dass selbst kleine atmosphärische Entscheidungen eine große Wirkung haben können. Das Mitbringen eines Radios hat die Stimmung im Raum spürbar verändert und die Grenze zwischen Schulstunde und freiem Nachmittag aufgehoben. Böhmes Begriff der Atmosphäre als leiblich spürbares Zwischenphänomen wurde hier praktisch erfahrbar: Ein Raum, der einlädt, muss nicht teuer ausgestattet sein. Er muss sich richtig anfühlen.

Welche strukturellen, räumlichen und sozialen Faktoren hemmen die Arbeit des Vereins und welche Co-Design-Maßnahmen können diesen Herausforderungen entgegenwirken?

Die Problemanalyse dieser Arbeit hat gezeigt, dass die Herausforderungen des Vereins auf mehreren Ebenen gleichzeitig wirken und sich gegenseitig verstärken. Die drängendste ist struktureller Natur: Die Finanzierung des Vereins ruht auf einer einzigen Förderquelle, die die laufenden Kosten kaum deckt. Das führt zu reduzierten Öffnungszeiten, die wiederum den Aufbau einer verlässlichen Besuchergruppe erschweren – und ohne Besucher fehlen die kleinen Einnahmequellen, die den Verein zusätzlich stabilisieren könnten. Für den Jugendclub Triebes kommt die räumliche Situation erschwerend hinzu: Die Enge des Raumes, die Lage im Rathaus und das Fehlen einer Außenfläche schränken die Möglichkeiten des Clubs strukturell ein.

Der wohl wirksamste Hebel, der im Rahmen dieser Arbeit identifiziert und erprobt wurde, war jedoch ein anderer: Die Umfrage hat gezeigt, dass das zentrale Problem des Triebeser Jugendclubs seine Unsichtbarkeit bei den Kindern und Jugendlichen ist. Durch den direkten Weg in die Schule über die Workshops, die persönlichen Begegnungen mit Simone Schulz, wurde diese Unsichtbarkeit durchbrochen, mit Ergebnissen, die sich bereits im laufenden Betrieb des Clubs zeigen. Die Kooperation mit der Regelschule und der geplante IG-Status des Creative Clubs bieten darüber hinaus eine konkrete Perspektive, dem Finanzproblem zumindest teilweise zu begegnen: durch einen gesicherten Stundenlohn, ein Materialbudget und eine verlässliche Besuchergruppe, bei der schrittweise auch das Essen- und Getränkeangebot sowie Ferienaktivitäten wieder eingeführt werden können.

Persönliche Reflexion

Als ich dieses Projekt begann, wusste ich, dass es mich persönlich betrifft. Der Jugendclub Triebes ist kein neutrales Forschungsfeld für mich, sondern ein Ort, an dem ich als Kind viele Jahre verbracht habe, und Simone Schulz ist eine Person, der ich etwas Bedeutsames verdanke. Diese persönliche Verbundenheit war eine Stärke und eine Herausforderung zugleich. Sie hat mir Zugang und Vertrauen verschafft, die ein außenstehender Forscher so nicht hätte aufbauen können. Gleichzeitig bedeutete sie, dass ich aufpassen musste, die Situation nicht durch eine zu optimistische Brille zu betrachten.

Erst im Verlauf des Projekts wurde mir klar, wie ernst die Lage des Vereins wirklich ist. Das Ausmaß des Finanzproblems hat mich zunächst verunsichert: Kann ein Designprojekt hier überhaupt etwas ausrichten? Ich habe mich bewusst dazu entschieden, den Fokus nicht zu verlieren. Mein Ziel war es, den Club den Kindern wieder näherzubringen, nicht, die Vereinsfinanzen grundlegend zu reformieren. Dass der Creative Club dabei auch eine mögliche Einnahmequelle erschließt, ist ein Nebeneffekt, der sich erst im Prozess ergeben hat. Dass dieser Effekt frühestens in einem Jahr greift, wenn der IG-Status beantragt und bewilligt werden kann, ist jedoch eine Einschränkung, die es zu berücksichtigen gilt.

Die Entscheidung, die Umfrage auf eine einzige Klassenstufe zu beschränken, war methodisch bewusst gewählt, aber auch ein Kompromiss. Eine breitere Befragung hätte ein vollständigeres Bild geliefert. Gleichzeitig hat sich die Fokussierung auf die Fünftklässlerinnen und Fünftklässler als richtig erwiesen. Dass zunächst nur diese eine Gruppe den Weg in den Club gefunden hat, ist in gewissem Sinne auch ein Vorteil: Der kleine Raum des Jugendclubs verträgt keine große Masse auf einmal. Sechs bis acht Kinder, die regelmäßig kommen, sind für die aktuelle Situation nicht nur handhabbar, sie sind ideal. Die Intimität, die dabei entsteht, ist genau das, was einen anthropologischen Ort ausmacht.

Was das Konzept des Creative Clubs angeht, bleibt seine Langzeitwirkung zum jetzigen Zeitpunkt offen. Das Angebot ist entwickelt, das Material ist vorhanden, die Kooperation mit der Schule ist angebahnt. Aber ob der Club in einem Jahr tatsächlich als IG läuft und ob die erhofften finanziellen Effekte eintreten, lässt sich heute noch nicht belegen.

Was sich jedoch sagen lässt: Die Bewegung, die entstanden ist, wäre ohne dieses Projekt ausgeblieben. Nach Jahren, in denen die Räume leer waren, wieder Kinder im Club zu sehen, die lachen, basteln und einfach da sind, freut mich zutiefst. Auch dass Simone wieder eine sinnvolle Beschäftigung hat und merkt, dass ihre Arbeit gebraucht wird, hat für mich einen sehr hohen Wert. Es fühlt sich an, als würde der Ort ein Stück von dem zurückbekommen, was er für mich selbst einmal war.