Hintergrund

Welche Tiere leben eigentlich in einer Stadt wie Leipzig? Fragt man Freund und Bekannte, werden häufig Füchse, Igel oder ganz allgemein Vögel genannt. Manche denken auch an Insekten oder Spinnen, insbesondere an Honigbienen und Wespen. Und fast alle nennen Ratten und Tauben.

Mit diesen Tieren verbinden wir unmittelbare Wertungen: Wir mögen sie oder lehnen sie ab, wir dulden sie oder würden sie am liebsten aus unserem Umfeld verbannen. Diese Einschätzungen beruhen jedoch nicht immer auf rationalen Überlegungen. Waschbären gelten vielen als niedlich, obwohl sie nicht heimisch sind und heimische Arten verdrängen können. Tauben hingegen werden häufig als „fliegende Ratten“ bezeichnet , als schmutzig, krankheitsübertragend und alles vollkotend.

Gerade diese Haltung gegenüber Stadttauben erscheint mir besonders ungerecht. Seit Jahrhunderten begleiten sie die Menschen als Brieftauben, Nutztiere oder Gefährten. Dass sie heute in unseren Städten leben, ist kein Zufall: Die Fassaden mit ihren Nischen und Vorsprüngen ähneln den Felslandschaften, in denen ihre Vorfahren ursprünglich brüteten.

Die Frage, die mich beschäftigt, lautet daher: Wie können wir die Taube, die sich ohnehin längst in unseren Städten zu Hause fühlt, nicht nur tolerieren, sondern willkommen heißen? Wie können wir lernen, sie wieder wertzuschätzen? Wenn es gelingt, der Taube ihre Daseinsberechtigung zurückzugeben, eröffnet das vielleicht auch einen neuen Blick auf viele andere Tiere, mit denen wir unseren urbanen Lebensraum teilen.

Konzept

Ich habe mich für einen Taubenbrutplatz entschieden, der Ringeltauben nicht nur durch seine Gestaltung und die Verwendung des hochwertigen Materials Porzellan willkommen heißen soll, sondern zugleich auf eines der Probleme reagiert, das viele Menschen mit Tauben verbinden: ihren Kot.

Unterhalb des Brutkastens befindet sich daher ein kleiner Pflanzkasten, der mit Erde und Saatgut befüllt wird und den herabfallenden Guano auffängt. Dieser dient als natürlicher Dünger für die Pflanzen. Die daraus wachsenden Blühpflanzen schaffen wiederum Nahrung und Lebensraum für Insekten. So entsteht ein kleines, miteinander verbundenes Ökosystem, das den Tauben einen geschützten Brutplatz bietet und gleichzeitig einen ökologischen Mehrwert für den städtischen Raum schafft.

Brainstorming und Skizzen

Inspirationen aus Leipzig

Die Gebäudeverzierungen der Leipziger Innenstadt haben mich schon immer fasziniert. Ich mag ihre Verspieltheit und die Art, wie der Blick immer wieder an neuen Details hängen bleibt. Für dieses Projekt bin ich mit einem anderen Blick durch die Stadt gegangen: Wo finden Tiere bereits ihren Platz? Welche Elemente bieten ihnen Lebensraum? Und an welchen Stellen werden sie bewusst ferngehalten?

Diese Beobachtungen wurden zu einem wichtigen Ausgangspunkt für meinen Entwurfsprozess.

Formfindung: Tests in 3D

Es war für meinen Prozess sehr wichtig, immer wieder die auf Papier skizzierten Ideen in drei Dimensionen zu visualisieren. Dafür habe ich oft kleine Modelle aus Knete oder Zeitungspapier hergestellt.

Weitere Inspirationsquellen aus dem Grassi Museum

Ich habe einen Nachmittag im Grassi Museum für Angewandte Kunst verbracht, um neuen Wind in meine Idee zu bekommen. Der Besuch eröffnete mir neue Perspektiven und führte zu einer Reihe weiterer Skizzen. Auch wenn diese Entwürfe letztlich nicht in das finale Projekt eingeflossen sind, empfinde ich es als wertvoll, gestalterische Fragestellungen immer wieder mit neuen Eindrücken und Inspirationen weiterzuentwickeln.

Formfindung: der Kreis schliesst sich

Zu Beginn des Semesters hatte ich viele unterschiedliche Ideen für dieses Projekt. Relativ schnell stand jedoch fest, dass ich einen Schutzraum für Tauben gestalten wollte. Schwieriger war es, mich auf eine konkrete Form festzulegen. Der Gestaltungsprozess war lang, und ich habe zahlreiche Varianten ausprobiert und wieder verworfen.

Interessanterweise zeigten viele Menschen, denen ich meine Ideenskizzen präsentierte, immer wieder auf eine meiner ersten Entwürfe: den Löwenkopf. So entwickelte sich das Projekt schließlich von einer eher einfach umsetzbaren, rotationssymmetrischen Form hin zu einer deutlich komplexeren Gestaltung. Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung: der Löwenkopf fühlt sich „richtig“ an und fügt sich als Motiv auch gut in das Leipziger Stadtbild ein.

In Arbeit: Modellieren des Löwenkopfs aus Ton

Der Brutkasten wird so dimensioniert, dass er einem Ringeltaubenpaar ausreichend Platz bieten kann, um seine Jungen aufzuziehen. Bei der Planung habe ich mich an den Empfehlungen des NABU orientiert und zusätzlich die Hinweise einer Expertin für urbane Tiere berücksichtigt.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal herzlich bei Marja Rottleb für das interessante und hilfreiche Gespräch zum Thema Tauben bedanken. Ihre Anregungen waren eine wertvolle Unterstützung für die Entwicklung des Projekts.

Für die Herstellung eines Objekts aus Porzellan sind mehrere Arbeitsschritte erforderlich. Derzeit arbeite ich noch an einem Modell aus Ton, von dem anschließend eine Gipsform abgegossen wird. Diese dient als Negativform, in die schließlich Porzellanschlicker gegossen wird, um das endgültige Objekt herzustellen. Ich plane die Fertigstellung für das kommende Semester.

Modell des Modells aus Papiermache für die DDS

Da das Porzellanobjekt bis zur DDS noch nicht fertiggestellt war, wollte ich dennoch zeigen, wie ich mir das fertige Ergebnis vorstelle. Dafür habe ich einer Tageszeitung ein zweites Leben gegeben und aus Papiermaché ein Modell des Objekts angefertigt. Dieses habe ich anschließend in ein Foto einer Leipziger Hausfassade montiert und die Szene mit einigen Blühpflanzen ergänzt, um die spätere Wirkung im öffentlichen Raum zu veranschaulichen. 

Das kleine Heft mit dem Titel „Good Neighbors“ sollte BesucherInnen einen Einblick in das Konzept geben.

Fazit

Ich bin stolz auf das Ergebnis dieses Semesters. Hinter dem Prototypen steckt viel unsichtbare Arbeit: Recherche, zahlreiche Iterationen und viele Stunden des Ausprobierens und Verwerfens. Wenn das Objekt eines Tages fertig ist, werde ich es an einer Hauswand anbringen und mich über die Tauben freuen, die dort ein neues Zuhause finden.

Mein herzlicher Dank gilt Kristin Dolz für ihre Unterstützung und die kritischen Fragen, die den Entwurfsprozess bereichert haben. Ebenso danke ich allen, die sich die Zeit genommen haben, meine zahlreichen Skizzen und Entwürfe anzusehen!

Ein ganz besonderer Dank geht an Maria Volokhova für ihre Unterstützung und ihre Motivation in der Plastischen Werkstatt.

Quellen

Fledermausniskasten

https://www.fledermausschutz.de/fledermausschutz/anbringen-von-fledermauskaesten/bauanleitung-fuer-einen-fledermauskasten/

Gilded Insects

https://verenabachl.com/works/everything-will-be-fine/

urban evolution guy

https://www.schilthuizen.com/research

https://www.naturalis.nl/en/science/rapid-evolution-in-anthropocene

https://www.science.org/doi/10.1126/science.abk0989

Urban Birds

https://www.nature.com/articles/s44284-026-00402-6

https://theecologist.org/2020/apr/28/birds-cities

NABU

https://www.nabu-leipzig.de/

https://www.geo.de/natur/tierwelt/was-tun--wenn-voegel-ein-nest-bauen--wo-es-stoert--33364482.html

Pigeon Watching von Rosemary Mosco

https://rosemarymosco.com/books/a-pocket-guide-to-pigeon-watching