01 | Konzept & Recherche

In der ersten Phase ging es darum ein grundsätzliches Verständnis für Künstlerbücher zu bekommen: 

In welchem Format treten sie auf? Wie erlebt man sie physisch und intellektuell? Wie kommunizieren Sie?

Dafür besuchten wir die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, das Atelier von Frau Anna Helm und das Stadtarchiv in Dessau, um einen Einblick hinter viele verschiedene Künstlerbücher zu erhalten.

Ab diesen Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass ich das Medium „Buch“ bisher nur in Seiten und Text gedacht habe - Künstlerbücher speziell jedoch die unterschiedlichsten Formen, Erscheinungen, Inhalten und sogar in Objekten gedacht werden können wie zB. ein Eisblock, der Text beinhaltet oder Bücher, die die Form eines Baumes haben können.

Auch waren viele Künstlerbücher oft eine Sammlung aus verschiedenen Medien - Bilder, Texte, Grafiken, Zeichnungen - alles, was den Kontext und Inhalts kommuniziert.

Ein großes Kriterium unseres Projektes war es außerdem Künstlerbücher zugänglicher und erlebnisnaher darzustellen und eine Brücke vom 2D zum 4D zu schaffen. Ein Zuschauer sollte Einblick in das Künstlerbuch erhalten, auch, wenn er es vielleicht wegen Ausstellungsrichtlinien nicht anfassen oder anschauen konnte.

02 | Prozess & Ideenfindung

Mein Ansatz unterschied sich grundsätzlich von den anderen Projekten, da mein Ursprungswerk der literarische Gedichtszyklus „Die Winterreise“ von Wilhelm Müller war und nicht wie bei den anderen Projekten auf einem bereits bestehenden Künstlerbuch basierte. Zum Anfang des Projektes, hatte ich somit noch keine visuelle Vorlage meines Werkes, hatte durch die Unterstützung von Prof. Wucher jedoch deutlich mehr Freiheiten in der visuellen und thematischen Gestaltung meines Künstlerbuches.

Erst im späten Verlauf des Projektes hatte ich durch das Stadtarchiv Dessau, die Möglichkeit ein paar Künstlerbücher explizit zur Winterreise einzusehen.

Ich entschied mich dazu, den literarischen Kontext in Film, Grafik, Fotografie und Animation darzustellen.

Die größte Herausforderung bestand darin, den inhaltlichen Kontext der Winterreise in ein modernes Setting zu übersetzen und gleichzeitig einen Weg zu finden, einen Winter im Sommer darzustellen - mehr eine innere, intellektuelle Reise, die den Winter assoziiert, ohne diesen zwangsläufig darstellen zu müssen.

Ich begann mit der inhaltlichen Erörterung der Strophen, der thematischen Auseinandersetzung und den Beweggründen des Autors. Das gesamte Werk beinhaltet ein breites Themenspektrum von Gesellschafts - und Systemkritik, Liebeskummer, Selbstentfremdung bis hin zu Isolation und Depression. Der deutsche Komponist Franz Schubert schrieb basierend auf der Winterreise einen Liederzyklus, der ebenfalls als Grundlage für meinen Prozess diente.

Ich entschied mich inhaltlich einen Büroangestellten darzustellen, der sich in seinem Alltag gefangen fühlt und versuchte diesen Kontext auf die jeweiligen Strophen anzupassen.

Ich begann erste Experimente und Inszenierungen durch Video und Fotografie im Fotostudio. Treibende Motive waren zu diesem Zeitpunkt Nostalgie ( ein Plattenspieler ) , Isolation ( ein Anzug im Stuhl ) und das Gefühl der Vergänglichkeit ( eine Armbanduhr ). Auch habe ich durch Lichtexperimente versucht potentielle Stimmungen zu schaffen. 

Jedoch fehlten den Medien zu diesem Zeitpunkt eine visuelle und inhaltliche Kohärenz, was die Ergebnisse mehr oder weniger kontextlos oder zu weit hergegriffen erscheinen ließ.

An diesem Punkt begann ich mich erstmal hauptsächlich auf die Filmkomponenten zu fokussieren - Kurzfilme, die die Strophe metaphorisch darstellen. Mir war es extrem wichtig, das Filmen und die Produktion alleine zu machen, was mich zwar in der Bildgestaltung & Equipmentbedienung eingeschränkt hat, für ich persönlich aber eine wichtige Bedingung war.

03 | Täuschung

Für die Strophe 15 „ Täuschung“ wollte ich die Ausgangslage des Protagonisten, in seinem Arbeitsalltag darstellen. Das Hauptaugenmerk lag für mich auf der Bildkomposition, dem Framing und der Emotion des Protagonisten. Da ich keine Dialoge benutzt habe, sollten Themen wie Isolation, Selbstzweifel und Depression vorallem durch Positionierung im Bild, Licht und Farbe dargestellt werden. Die Krawatte sollte seine gesellschaftliche Zugehörigkeit darstellen, während der schwarze Blazer metaphorisch für den Tod stand, der dem Reisenden in den Gedichten auch stets als ein Begleiter erscheint.

Music by Franz Schubert & played by Hye-Kyung-Chung

04 | Frühlingstraum

Für die Strophe 21 „Frühlingstraum“ wollte ich den Protagonisten in einem leicht absurden Traumsetting darstellen. Die Winterreise beschreibt inhaltlich auch die zwiegespaltene Beziehung des Protagonisten mit der Natur, deren Schönheit er zwar anzuerkennen vermag - diese aber niemals richtig wertschätzen kann, geplagt vor Selbstzweifeln, Schmerz und getrübt von Dissoziation.

Music by Franz Schubert & played by Hye-Kyung-Chung

05 | Der Leiermann

Strophe 24 „Der Leiermann“ ist die letzte Strophe des Gedichtszyklus und beschreibt die Begegnung des Protagonisten mit dem Leiermann, der im Gedicht als armer, verlassener Mann am Straßenrand beschrieben wird. Meiner Interpretation nach ist es die Begegnung mit dem Tod, aber auch seiner selbst, die ein offenes Ende des Protagonisten hinterlässt. Entgegen der Inhalts, wollte ich die Begegnung mit dem Leiermann in einem edlen Setting eines Abendessens darstellen, in der die Machtlosigkeit des Protagonisten, die in den Gedichten beschrieben wird, zeigen soll. Von der Bildsprache haben mein Darsteller, Florian Clasen und ich uns stark von Szenen aus „Inglorious Basterds“ inspirieren lassen. Auch war der Leiermann mit seiner zynischen Art sehr an die Rolle von Christoph Waltz angelehnt.

Music by Franz Schubert & played by Hye-Kyung-Chung

06 | Mixed Media

Im Rahmen des digitalen Künstlerbuches wollte ich außerdem auf Medien wie Animation, Grafik und Illustration zurückgreifen, die komplementär zu den Kurzfilmen sein sollten. Für diesen Prozess habe ich eine Textanimation der 1. Strophe erstellt, ein fiktives Schallplattencover erstellt und mit Referenzen der Winterreise experimentiert.

Anschließend habe ich probiert Variationen für die Darstellung des Künstlerbuches zu erstellen. Ich entschied mich für ein simples Grid-System, welches inspiriert war von Gerhild Ebels Künstlerbüchern.

Auch ist mir an diesem Punkt bewusst geworden, dass die visuelle Sprache der einzelnen Komponenten zu unterschiedlich ist und es noch an einem roten Faden innerhalb des Künstlerbuches fehlt. Die Varianz der Medien eröffnete mir viel Spielraum im Output, wirkte als großes Ganzes jedoch zu chaotisch.

07 | Teaser

Das digitale Künstlerbuch sollte als kurzes Teaser-Video funktionieren. Ich bin von der ursprünglichen Idee eines drehenden Rasters weggegangen und habe eine Technik namens „Grid-Flash“ verwendet, die ich durch ein Tutorial lernen durfte.

08 | Conclusion

Abschließend war dieses Projekt für mich eine neue und ungewöhnliche Erfahrung. Ich hatte mich bis dato noch nicht allzu viel mit Künstlerbüchern auseinandergesetzt und gerade die Übersetzung des literarischen Kontexts war für mich persönlich eine große Herausforderung. Im Nachhinein hätte mir von mir selbst gewünscht mich auf weniger Medien und dafür auf einen klaren roten Faden zu konzentrieren. Auch eine geordnetere Struktur und präzisere Storyboards hätten die Übersetzung deutlicher gestaltet. Ich bin trotzallem sehr zufrieden mit allem was ich durch dieses Projekt ausprobieren durfte und die Freiheiten, die ich im Output genießen durfte.

Vielen Dank an das Stadtarchiv Dessau, Andreas Hilger und Prof. Wucher für die Unterstützung und den konstanten Input den ich durch dieses Projekt erhalten habe.