Wir befinden uns im Bad der Wohnung 401. Gezeigt wird eine poetisch atmosphärische Auseinandersetzung mit der Platte. Dabei wollen wir uns auf die Bedeutung der Platte in der Vergangenheit und Gegenwart beziehen. Als gestalterische Form haben wir an ein Gedicht oder eine Sound Installation gedacht, die die Besucherinnen zum Zuhören einlädt. Als Ort haben wir ein Bad gewählt, um die Besucherinnen in einen intimen nachdenklichen Raum einzuladen. Dort können neu gewonnene Eindrücke verarbeitet werden und eine neue Perspektive wird eröffnet. Die Platte charakterisiert sich als erzählende Figur. Tapeten, Risse, Kratzer bilden Fragmente einer Lebensrealität. Sie erzählen Geschichten. Im Rahmen des Festivals POWERPLATTE in Leipzig Grünau gestalteten wir auf Einladung von Martin Maleschka unter Betreuung von Katrin Günther zwei Wohnungen komplett um. Insgesamt kamen über 100 Positionen zusammen, unter anderem Studierende der Burg Giebichenstein, das Heizhaus Leipzig, ein Tattooartist und viele weitere Kreativschaffende. Organisiert wurde das Festivalformat pro Platte von Martin Maleschka, Diana Felber und Carl Emil Walther.
Arbeitsprozess
Angekommen in der Lilienstraße in Grünau machten wir uns als erstes mit den Räumlichkeiten vertraut. Eine Stunde saßen wir mit geschlossenen Augen in unterschiedlichen Räumen und lauschten den Geräuschen um uns herum. Am Anfang viel es mir schwer, mich darauf einzulassen, aber mit der Zeit konnte ich mich mehr drauf einlassen und hörte dem Gebäude zu.
Wer hat hier gewohnt? Was wurde in dieser Küche gekocht? Lebte hier eine Familie? Eine einzelne Person? Wurden viele Menschen hier eingeladen? Wer ging hier rein und raus? Wie wurden zwischenmenschliche Beziehungen gelebt? Wer waren die Nachbar*innen? Ein leerer Ort mit so vielen Fragen, so vielschichtig.
Ich höre vorbeifahrende Autos, der Wind kitzelt mich im Gesicht und die Sonne wärmt meine Haut. Das Fenster ist offen. Die Außenwelt verschwimmt mit der Innenwelt. Es ist ruhig. Irgendwie fühle ich mich auch seltsam. Hier haben Menschen gelebt, diese Räume waren ihr Zuhause – ihre Privaträume. Unbekannte Intimität.
Nach dieser Erfahrung tauschten wir uns in der Gruppe aus. Eine Kommilitonin erzählte von ihrer Kindheit im Plattenbau, man konnte durch ein kleines Loch zu den Nachbar*innen schauen. Die Berührungspunkte waren sehr unterschiedlich, seien es Erzählungen der Eltern oder Großeltern oder die Zeit in einem Plattenbau für Studierende.
Beim Erkunden der Räume stießen wir auf ein Bad mit einem spannenden Bruch in der Badewanne. Ein blauer Farbton unterstrich diesen Abriss und erinnerte an Wasser. Was ist da wohl passiert? Wie oft wurde in dieser Badewanne geduscht? Wie oft wurde gespült?
Das Bad kennzeichnet einen privaten Raum im öffentlichen Raum. Es ist ein intimer Ort, an dem man meistens alleine ist. Man kann sich kurz aus dem Alltag rausnehmen und für sich sein. Die Gedanken können lauter werden. Diese von uns empfundene Raumatmosphäre wollten wir aufgreifen und die Besucher*innen zum Reflektieren einladen. Wir strichen das ganze Bad weiß und schafften so eine ruhige Wirkung im Raum. Die Unruhe der Muster der Fließen konnten wir so umgehen. Mithilfe von dezentem gelblichen Licht, welche wir in Löcher und Ecken versteckten, leuchteten wir den Raum aus und nahmen dem Raum die kalte Wirkung durch den weißen Farbton. Abschließend schrieben wir ein Gedicht aus Sicht der Platte, in dem verschieden Stimmungen, Atmosphären und Meinungsbilder ausgesprochen wurden. Als Gestaltungsform wählten wir einen Banner, der in die Badewanne „floss“ und die blue Farbgebung der Bruchstelle aufgriff. Ein Raum in dem die Gedanken durchgespült werden können. Das letzte Wort des Gedichts „Besetzt“ im Sinne von Haus besetzen, erfuhr eine neue Semantik, indem wir es vor dem Eingang platzierten und ein Wortspiel eröffnete. Ein transparenter Duschvorhang bot eine räumliche Trennung.
Gedicht
Stimmen aus der Platte. Die Platte hat zugehört. Sie hört immer noch zu. Nun erzählt sie von ihrem monotonen Charakter, einem Abriss...
Raumansicht
Video
Im Rahmen der Kurzprojekt Präsentation haben Marianne Richardt und Chiara Winkler geschnitten. Zusätzlich sind noch einige Fotos im Fotopraktikum bei Katia Klose entstanden.
Fachpraktikum Fotografie
Neben unserer gestalterischen Arbeit waren wir beide, Chiara Winkler und Jasira Boudjenah, als auch Marianne Richardt, Teil des Fachpraktikums, das den Arbeitsprozess und die Entwicklung des Festivals über die gesamte Woche hinweg fotografisch dokumentierte – von den ersten Erkundungen und Eingriffen bis hin zu den Ausstellungstagen.
Diese zusätzliche Perspektive ermöglichte uns einen noch tieferen und persönlicheren Zugang zur Platte. Während wir uns einerseits aktiv mit der Gestaltung unseres eigenen Raumes beschäftigten, beobachteten wir gleichzeitig das Gebäude, seine Oberflächen und die darin stattfindenden Prozesse mit der Kamera. Wir richteten unseren Blick auf Details, die im alltäglichen Vorübergehen vielleicht unbeachtet geblieben wären: kleine Risse, besondere Strukturen, Gebrauchsspuren und Veränderungen an den Wänden, aber auch auf die Menschen, ihre Arbeitsweisen und die unterschiedlichen Momente des Entstehens.
Besonders interessant war es, zwischen diesen beiden Perspektiven zu wechseln: selbst Teil des gestalterischen Prozesses zu sein und gleichzeitig eine beobachtende Position einzunehmen. Dadurch entstand ein erweitertes Verständnis für den Ort, die anderen Projekte und die Menschen, die das Festival mitgestalteten. Die Fotografie wurde für uns zu einer weiteren Form der Auseinandersetzung mit der Platte und hielt nicht nur Ergebnisse, sondern auch flüchtige Momente, Begegnungen und Prozesse fest.
Ein besonderer Dank gilt Katia Klose, die uns während des Fachpraktikums tatkräftig unterstützt und uns das benötigte Kameraequipment zur Verfügung gestellt hat.
Fazit
Rückblickend war es ein ganz besonderes Projekt, das uns ermöglicht hat, die Platte aus unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen und uns auf eine intensive Weise mit ihr auseinanderzusetzen. Besonders schön war der Gedanke, dass für einen letzten Moment noch einmal Leben in die leerstehenden Räume zurückgekehrt ist. Die Platte, die zuvor still geworden war, füllte sich mit Stimmen, Begegnungen, Ideen und Bewegung. Aus einem verlassenen Ort wurde ein lebendiger Treffpunkt, an dem Menschen zusammenkamen, sich austauschten und neue Perspektiven eröffneten.
Dabei entstand für uns ein besonderer Spannungsbogen: Von der einstigen Lebendigkeit der Platte über ihre Stille nach dem Auszug der Bewohner*innen bis hin zu einem erneuten Aufleben durch das Festival. Und schließlich wieder zurück in die Stille. Mit dem Ende der Ausstellung am Sonntag, dem 11. Oktober, kehrte eine Ruhe ein, die sich für uns beinahe wie ein Abschied anfühlte. Obwohl wir selbst nie Bewohnerinnen dieser Wohnungen waren und keine persönlichen Erinnerungen an das Leben dort teilten, entstand durch die intensive Auseinandersetzung mit den Räumen eine gewisse Verbundenheit. Wir hatten uns mit ihren Spuren, Geschichten und möglichen Lebensrealitäten beschäftigt. So fühlte sich auch für uns das Ende des Festivals wie ein Abschied von einem Ort an, den wir erst kurz zuvor kennengelernt hatten.
Besonders in Erinnerung bleiben die vielen Begegnungen und unterschiedlichen Herangehensweisen, die während des Festivals aufeinandertrafen. Es war spannend zu erleben, wie aus einem gemeinsamen Ausgangspunkt so viele verschiedene Ideen und Arbeiten entstehen konnten. Das Projekt hat uns gezeigt, wie viel Potenzial in einem Ort steckt, der auf den ersten Blick bereits abgeschlossen scheint. Durch die unterschiedlichen Positionen wurde die Platte nicht nur betrachtet, sondern noch einmal neu interpretiert und mit Bedeutung aufgeladen.
Vielleicht war genau das Besondere an diesem Wochenende: Noch einmal gemeinsam in der Platte zu sein, sie mit Leben zu füllen, laut zu sein, sich zu begegnen und sie anschließend wieder in die Stille zu entlassen. Ein letztes gemeinsames Aufleben, das nicht nur die Vergangenheit des Gebäudes sichtbar machte, sondern auch zeigte, welches Potenzial in solchen Räumen steckt.