In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
Porzellan steht für Tradition und Qualität. Trotz technologischer Fortschritte bleibt die Gestaltung von Geschirr im Produktdesign bedeutend, da es einerseits kulturelle Werte und handwerkliches Erbe widerspiegelt und andererseits ein ständiger Begleiter unseres Alltags ist.
Ziel war es Design auf verschiedenen Ebenen zu begegnen und zu übersetzen. Die Schwerpunkte lagen einerseits auf der Entwicklung einer ausgereiften Produktreihe, die sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugt, und andererseits auf der Konzeption eines durchdachten Brandings und Corporate Designs, das die Identität der Produkte stärkt. Zusätzlich sollte eine kleine Filmproduktion das ganzheitliche Konzept visuell unterstützen.
Im Wintersemester 2022/2023 entstand in dem Orientierungs-Modul 3D Produktdesign „Entwerfen mit Kopf und Hand“, betreut von Herrn Neubert und Herrn Lipeck, ein Porzellanbecher.
Seine Formgebung wurde von dem Faltenwurf eines Seidenstoffs inspiriert. Hintergrund hierfür war der Gedanke, dass bei der Benutzung so viele Sinne wie möglich angesprochen werden. Neben dem Geschmacks-, Geruchs- und Sehsinn soll vor allem der Tastsinn, also die haptische Wahrnehmung, durch seine geschwungene organische Oberfläche gereizt werden. Die aktive Erkundung der Wölbungen mit den Händen soll das Benutzererlebnis positiver beeinflussen und steigern.
Auf dieser Basis, dem Vorwissen zum Handwerk mit Porzellan und dem gestalteten Porzellanbecher entwickelte sich das Thema meiner Bachelorarbeit.
Um das Fundament der Marke aufzubauen, habe ich zutreffende Begrifflichkeiten jeweils zu Porzellan und Seide gesammelt und anschließend die Gemeinsamkeiten herausgefiltert. Auf Grundlage dieser und meines eigenen Anspruchs an die Marke formten sich so die ersten Pfeiler (Werte, Kernbotschaft, Positionierung, Zielgruppe).
Als Werte filterten sich folgende heraus: modern, elegant, zeitlos
Die Marke setzt auf eine moderne, reduzierte Gestaltung mit organischen Formen und zeitloser Eleganz. Im Mittelpunkt steht die haptische Erfahrung – jedes Produkt lädt dazu ein, berührt und erlebt zu werden.
Sie positioniert sich als hochwertige Porzellanmarke im Spannungsfeld zwischen sinnlichem Designobjekt und funktionalem Alltagsprodukt. Sie richtet sich an eine designaffine Zielgruppe, die Wert auf ästhetische Reduktion, hochwertige Materialien und eine bewusste, haptische Nutzung legt. Die emotionale Erlebbarkeit wird durch organische Formen und minimalistisches Design erzielt.
Die Primärfarben setzen sich aus einem dunklen Blauschwarz, einem hellen Blaugrau und einem Off-White zusammen. Diese Farbtöne wirken kühl, reduziert und hochwertig. Sie greifen die visuelle Sprache des Porzellans auf und lassen Raum für das Produkt selbst.
Das Farbkonzept wird durch zwei Sekundärfarben ergänzt. Diese bilden einen bewussten Kontrast zur kühlen Zurückhaltung der Primärfarben und sorgen so für visuelle Dynamik. Sie kommen als Signalfarbe für Akzente oder Hervorhebungen sowie im Merchandising zum Einsatz.
Der Markenname sellan ist ein bewusst gewähltes Kunstwort, das sich aus den Begriffen Seide und Porzellan zusammensetzt. Die ersten beiden Buchstaben „se“ stehen für Seide, während das Element „llan“ aus dem Klangbild des Wortes Porzellan übernommen wurde. Durch diese Verbindung entsteht ein neuer Begriff, der beiden Materialien – das weiche, fließende Textil und das feste, hochwertige Porzellan – symbolisch miteinander verknüpft.
Die Schreibweise in Minuskeln (Kleinbuchstaben) ist eine gestalterische Entscheidung, die den puristischen, reduzierten Charakter der Marke und der Produkte selbst unterstreicht – ruhig, aber mit starker Präsenz.
Wortmarke
Der Markenname sellan wird in einer angepassten Version der Serifenschrift New York dargestellt. Um der Wortmarke eine einzigartige, organische Ästhetik zu verleihen, wurden einzelne Buchstaben individuell angepasst und durch Ligaturen miteinander verbunden. Diese erzeugen eine fließende Verschmelzung, die an die geschmeidige Bewegung von Seide oder das Gießen von flüssigem Porzellan erinnert. So entsteht ein Typogramm, das die beiden zentralen Materialien der Marke visuell spürbar macht.
Bildmarke
Die Bildmarke geht direkt aus der Wortmarke hervor. Ausgangspunkt war die prägnante Verbindung zwischen dem s und e, die im Rahmen der Ligaturbildung eine besonders charakteristische Form annimmt. Diese Form wurde isoliert, dupliziert, gespiegelt und zu einer Einheit arrangiert. Auch hier kommen fließende Übergänge zum Einsatz, sodass ein geschlossenes, symmetrisches Ideogramm entsteht.
Claim
Der Claim Porzellan küsst Seide bringt das Zusammenspiel der beiden Hauptmaterialien auf poetische Weise auf den Punkt. Er wird als Kontrast zum Typogramm in Versalien gesetzt. Das Wort küsst ist dabei bewusst gewählt. Es schlägt eine emotionale Brücke zwischen den Werkstoffen und spiegelt die typografische Idee der sanften Verschmelzung wider, wie sie sich in den Ligaturen der Wortmarke zeigt.
In dieser Analyse wird die Verbindung zwischen Seide und Porzellan untersucht. Hierzu wurden Fotos von Seide auf Geschirrprodukten wie Tellern, Schüsseln und Karaffen erstellt. Die Fotos zeigen, dass der Stoff auch ohne klare Struktur eine elegante und weiche Wirkung behält, unabhängig davon, wie er auf dem Geschirr liegt. Diese Beobachtung hebt die natürliche Anmut der Seide hervor, die selbst in ihrer scheinbaren Willkür nicht an Eleganz verliert. Die Kombination der beiden Materialien – das harte, robuste Geschirr und der weiche, fließende Stoff – schafft eine interessante Balance und bietet eine inspirierende Grundlage für die weitere Gestaltung der Produkte.
reduzierte Gestaltung
asymmetrische Dynamik
Zu Beginn der Formentwicklung wurden erste Skizzen der möglichen grundlegenden Geometrien der jeweiligen Produkte mit gedanklichem Hinblick auf eine gewellte Oberfläche angefertigt. Neben dem Becher soll die Produktreihe um eine Karaffe, eine Schüssel, einen Teller und eine Servierplatte zum Anrichten von Fingerfood ergänzt werden.
Die Auswahl der Grundformen lässt sich auf die Formmerkmale des Bechers zurückführen. Dazu gehören beispielsweise ein reduzierter Körper, eine bauchige Form und ein recht flacher Formanstieg oberhalb des Bodens. Die Maße und Proportionen wurden durch Abmessungen von privatem Geschirr näherungsweise bestimmt.
Die Modelle wurden mit der 3D-Software Rhino 8 umgesetzt. Grundlage war der Querschnitt des Bechers, der in allen vier anderen Produkten wiederkehren sollte. Dabei wurden alle vorausgegangenen Gestaltungsprinzipien angewandt, wobei die geschmeidige, asymmetrische Dynamik im Fokus stand. Kriterien, die zur Ergonomie und Funktion beitragen, wurden stets berücksichtigt.
Karaffe
Da die Karaffe durch den fehlenden Henkel mit beiden Händen zum Kippen gegriffen wird, sollte sie nicht zu hoch ausfallen. Dabei ist es wichtig, dass der Abstand zwischen den Armen nicht zu groß ist, um den Kippradius angenehm zu halten. Zudem sollte die obere Hälfte schmal genug zulaufen, um die Karaffe auch mit einer Hand umgreifen und anheben zu können.
Schüssel
Wie der Becher und die Karaffe sollte auch die Schüssel einen bauchigen Längsschnitt und einen flachen Anstieg aufweisen. Für eine bequeme Handhabung beim Essen aus der Schüssel war eine ausreichend breite Öffnung vorgesehen.
Teller
Die größte Herausforderung bei der Formentwicklung war die Formgebung des Tellers. Teller gehören zu den schwierigsten Geschirrteilen bei der Porzellanherstellung. Sie dürfen weder zu flach ansteigen noch zu weit auslaufen, da sie sonst Gefahr laufen, beim Brennvorgang zusammenzusinken. Mit diesem Hintergrundwissen wurde der Boden des Tellers nahezu auf die Größe des Gesamtdurchmessers skaliert. Lediglich für die Höhe des Randes wird eine bauchige Form angewandt. Die Vertiefung der Kehle ist weniger stark ausgeprägt, da der Teller für Speisen, die nicht stark verlaufen, ausgelegt ist. Damit die signifikante, wellige Oberfläche zur Geltung kommen kann, wurde ein breiterer Tellerrand gewählt, der dennoch genügend Essfläche bietet.
Servierplatte
Die Form der Servierplatte sollte die Verbindung von Seide und Porzellan bestmöglich zur Geltung bringen. Sie zeigt durchgehende Faltenwürfe, durch die Hügel, Täler und Krater entstehen. Die Vertiefungen in der Oberfläche bieten Platz für Fingerfood wie Käse, Weintrauben, Knuspergebäck, Oliven und Nüsse. Die Platte wurde zwar im Rahmen eines Geschirrsets konzipiert, sie lässt sich aber auch für weitere Zwecke verwenden. Selbst ohne Lebensmittel ist sie ein Hingucker und kann als reines Dekoobjekt eingesetzt werden.
Als gesamte Produktfamilie
Nach einer durchschnittlichen Drucklaufzeit von zwölf Stunden pro Modell und einer detailreichen Nachbearbeitung wurden diese fertiggestellt und fotografiert. Die Farbe des Druckmaterials wurde als farbliche Annäherung an Porzellan gewählt.
Um Produkt und Marke visuell zu verbinden, wurden zwei filmische Umsetzungen geplant. Dabei stand die Produktvermarktung und -inszenierung des Porzellanbechers im Fokus. Die Videos sollten im werblichen Kontext produziert werden, wodurch eines als reines Produktvideo und ein weiteres als Kampagnenvideo fungiert. In beiden Videos kommt das Stilmittel der Slow-Motion-Aufnahmen zum Einsatz.
Produktvideo
Becher im Mittelpunkt – Form, Oberfläche, Materialität
Inszenierung in verschiedenen Perspektiven
Detailaufnahmen, Rotation, Blurr, Slow-Motion
ruhig, klar, reduziert
Kampagnenvideo
Storyline zur Marke
SZENE 1: Kippmoment
SZENE 2: Fall des Bechers
SZENE 3: Unerwartete Wendung
SZENE 4: Kampagnenslogan
Nach reichlich Planung und Absprache kam am Drehtag ein vierköpfiges Team als Unterstützung zusammen. Für den Dreh kam die RED Dragon Filmkamera zum Einsatz. Es wurden zwei Objektive mit unterschiedlicher Festbrennweite aus der Milvus-Serie verwendet. Ein 35 mm und ein 50 mm Objektiv. Gedreht wurde im Fotostudio des Hochschulgeländes, das mit geeigneten Tageslichtlampen ausgestattet ist. Ein Manfrotto-Stativ stand für stabile Kameraaufnahmen zur Verfügung.
Für den Videoschnitt kam das Programm DaVinci Resolve zum Einsatz. Beim Color Grading wurde darauf geachtet, dass die Farbe und die Oberfläche des Porzellanbechers bestmöglich und realitätsgetreu zur Geltung kommen. Da der Dreh in einem dunklen Studio mit nur künstlichen Lichtquellen durchgeführt wurde, entstand auf dem dunklen Bildhintergrund viel Rauschen, welches ausgebessert werden musste. Als musikalische Untermalung wurde ruhige, teils spannungsvolle Musik verwendet. Die Länge der Videos nähert sich der üblichen Werbelaufzeit von 60 Sekunden an.
Ausgehend von einem einzelnen Becher wird dieser nun ergänzt durch eine Karaffe, eine Schüssel, einen Teller und eine Servierplatte. Zusammen bilden sie eine konsistente Produktfamilie unter dem Dach der konzipierten Porzellanmarke.
Der besondere Wert meiner Arbeit liegt für mich in der Verbindung von Produktdesign, Markenentwicklung und medienübergreifender visueller Kommunikation. Dieses Zusammenspiel spiegelt für mich die Vielschichtigkeit von Design im Kontext meines Studiengangs wider.
Rückblickend war diese Bachelorarbeit für mich nicht nur ein gestalterischer, sondern vor allem ein persönlicher Entwicklungsprozess. Insbesondere eine anfängliche Umbruchsituation hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, flexibel zu bleiben und nicht an starren Plänen festzuhalten. Ich habe gelernt, auch in scheinbar ausweglosen Situationen handlungsfähig zu bleiben und kreative Lösungen zu suchen. Dabei war es entscheidend, verschiedene Perspektiven einzunehmen und offen für Veränderungen zu sein, was emotional oft sehr herausfordernd war. Ich habe bewusst erlebt, wie viel Verantwortung ein selbstgesteuertes Projekt mit sich bringt – inhaltlich, organisatorisch und zwischenmenschlich. Ein wichtiger Lernmoment war für mich, aktiv auf andere Menschen zuzugehen, wenn ich Unterstützung brauchte. Hilfe anzunehmen war kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Schritt, um weiterzukommen.
Der Prozess hat mir außerdem gezeigt, wie viel Substanz in einer Idee stecken kann, wenn man bereit ist, sie gründlich weiterzudenken. Aus ersten Gedanken wurden konkrete Entscheidungen, aus groben Vorstellungen ein detailliertes Konzept. Ich habe ein tieferes Verständnis dafür gewonnen, wie anspruchsvoll Markenentwicklung tatsächlich ist – fachlich, gestalterisch und strategisch. Der Umfang war größer als erwartet, aber dadurch auch besonders lehrreich. Neben den konzeptionellen Erkenntnissen konnte ich auch meine technischen Fähigkeiten vertiefen. So habe ich mir beispielsweise den Umgang mit dem 3D-Programm Rhino neu angeeignet und meine Entwürfe damit konkretisiert. Dieser Prozess war sehr zeitintensiv und verlangte viel Geduld, hat aber mein Verständnis für Form und Proportion deutlich geschärft.
Was ich aus dieser Arbeit mitnehme, geht über das reine Ergebnis hinaus: Ich habe gelernt, meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren, Hürden zu überwinden und dabei offen für neue Wege zu bleiben. Außerdem habe ich erkannt, dass gute Gestaltung nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern auch der Haltung, Kommunikation und Selbstreflexion ist.