Incom ist die Kommunikations-Plattform der Hochschule Anhalt Fachbereich Design

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Off Mode

Wir leben in einer Zeit, in der ständige Erreichbarkeit zur Normalität geworden ist. Das Smartphone ist immer griffbereit und wird oft genutzt, ohne dass wir uns bewusst dafür entscheiden. Selbst ruhige, private oder gemeinsame Momente werden von digitalen Impulsen unterbrochen. Dieses Projekt setzt genau an diesem Punkt an. Die Anwendung verlangsamt den Zugriff auf das Smartphone, indem sie ihn an eine bewusste Handlung bindet. Aktiviert wird sie über NFC-Sticker, die an bestimmten Orten angebracht sind – etwa am Esstisch, am Schreibtisch oder neben dem Bett. Durch das Scannen wird ein Ruhemodus gestartet, der Benachrichtigungen reduziert und Ablenkungen minimiert. Auch das Beenden des Modus erfolgt nicht sofort, sondern mit einer kurzen Verzögerung, die den reflexhaften Griff zum Handy unterbricht. Aus Gewohnheit wird eine Entscheidung. Das System richtet sich nicht gegen Technologie, sondern gegen automatische Nutzung. Es möchte Aufmerksamkeit schützen und Präsenz in alltäglichen Situationen wieder bewusst erfahrbar machen.

Problemstellung

Smartphones sind zu einem permanenten Begleiter geworden. Sie strukturieren Kommunikation, Arbeit, Freizeit und soziale Interaktionen. Gleichzeitig hat sich ihre Nutzung in vielen Situationen automatisiert: Das Gerät wird entsperrt, ohne konkreten Anlass, aus Gewohnheit oder Langeweile.

Diese automatisierte Nutzung führt dazu, dass Momente, die früher ungeteilt waren – gemeinsames Essen, konzentriertes Arbeiten, abendliche Ruhe – zunehmend fragmentiert werden. Ablenkung ist dabei nicht immer bewusst gewählt, sondern oft das Ergebnis eines reflexhaften Zugriffs.

Viele bestehende digitale Lösungen reagieren darauf mit Einschränkungen, Blockaden oder Leistungsmetriken. Diese Ansätze greifen jedoch häufig zu kurz, da sie Verhalten kontrollieren, statt es verständlich zu machen. Das Projekt setzt an dieser Stelle an und fragt, wie Gestaltung helfen kann, Aufmerksamkeit bewusst zu lenken, ohne Zwang auszuüben.

Ziel des Projekts

Das zentrale Ziel von Off Mode ist es, den automatischen Zugriff auf das Smartphone zu verlangsamen und damit in eine bewusste Entscheidung zu überführen. Das Projekt möchte keinen Verzicht erzwingen, sondern Handlungsspielräume eröffnen.

Durch gezielte Pausen, physische Handlungen und reduzierte Interfaces sollen Nutzer:innen eingeladen werden, den eigenen Umgang mit dem Smartphone zu reflektieren. Off Mode zielt darauf ab, bestimmte Alltagssituationen als schützenswert zu markieren und ihnen wieder mehr Aufmerksamkeit zu geben.

Das Projekt versteht Aufmerksamkeit nicht als etwas, das optimiert oder maximiert werden muss, sondern als etwas, das begrenzt ist und bewusst eingesetzt werden sollte.

Zielgruppe

Die primäre Zielgruppe sind junge Erwachsene, Studierende und Berufstätige, die ihr Smartphone intensiv nutzen und gleichzeitig ein zunehmendes Unbehagen gegenüber digitaler Dauerpräsenz verspüren. Sie sind sich der Problematik bewusst, erleben jedoch, dass Einsicht allein nicht ausreicht, um Verhalten nachhaltig zu verändern.

Die sekundäre Zielgruppe umfasst Gestalter:innen, Forschende und Interessierte aus den Bereichen Interaction Design, Kommunikationsdesign und Medienkultur, die sich mit Fragen von Aufmerksamkeit, Verhalten und digitaler Verantwortung auseinandersetzen.

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Konzept

Das Konzept von Off Mode basiert auf der Annahme, dass Verhalten maßgeblich durch Gestaltung beeinflusst wird. Statt Nutzung direkt zu regulieren, gestaltet das Projekt die Bedingungen, unter denen Nutzung stattfindet.

Drei zentrale Prinzipien prägen das System:

1. Verlangsamung

Der Zugriff auf das Smartphone wird nicht blockiert, sondern bewusst verzögert. Diese kurze Unterbrechung macht den Impuls zur Nutzung sichtbar und eröffnet einen Moment der Reflexion.

2. Physische Verankerung

NFC-Sticker verknüpfen digitale Modi mit realen Orten. Dadurch wird Smartphone-Nutzung kontextualisiert und aus der Abstraktion des Interfaces herausgelöst.

3. Reduktion

Die App ist bewusst minimal gestaltet. Sie verzichtet auf zusätzliche Anreize zur Interaktion und versteht sich als unterstützendes Werkzeug im Hintergrund.

Off Mode arbeitet mit drei klar definierten Modi, die sich an typischen Alltagssituationen orientieren:

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Gestaltung

Die visuelle Gestaltung von Off Mode ist zurückhaltend, ruhig und funktional. Farbpalette, Typografie und Layout sind darauf ausgelegt, keine zusätzliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Gestaltung wird hier nicht als Mittel zur Aktivierung verstanden, sondern als Rahmen, der Zurückhaltung ermöglicht.

Auch die analogen Elemente folgen dieser Haltung. Sticker und Plakate sind klar, direkt und bewusst konfrontativ formuliert. Sie erklären nicht ausführlich, sondern markieren Situationen und fordern zur Reflexion auf.

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Die App Off Mode

Die App fungiert als Steuerungsebene des Systems, ist jedoch nicht dessen Mittelpunkt. Sie wird primär über das Scannen der NFC-Sticker aktiviert.

Zentrale Funktionen sind:

– Aktivierung der Modi über NFC

– Reduktion von Benachrichtigungen

– Notfallzugang über eine SOS-Funktion

– Verzögerter Ausstieg aus den Modi durch zeitbasierte Aufgaben

– Wöchentliche Einblicke in Nutzungsgewohnheiten ohne Bewertung

Der Ausstieg aus einem Modus erfolgt bewusst nicht über klassische Timer, sondern über Aufgaben oder Vergleiche, die ein Gefühl für Zeit vermitteln.

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NFC-Sticker

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Die NFC-Sticker fungieren als zentrale Schnittstelle zwischen Raum und digitalem System. Sie sind so gestaltet, dass keine aktive Bedienung des Smartphones erforderlich ist. Eine kurze Berührung des Geräts mit dem Sticker genügt, um den jeweiligen Modus zu aktivieren.

Durch diese reduzierte Interaktion entsteht eine deutlich geringere Nutzungshürde. Der gewohnte Ablauf des Entsperrens, Navigierens und Auswählens entfällt vollständig. Die Aktivierung erfolgt intuitiv und beiläufig, fast als körperliche Geste, nicht als bewusster technischer Vorgang.

Gerade diese Einfachheit ist ein wesentlicher Bestandteil des Systems. Sie ermöglicht es, Off Mode ohne zusätzliche Aufmerksamkeit oder Unterbrechung in den Alltag zu integrieren. Der Wechsel in einen Modus wird nicht als Eingriff wahrgenommen, sondern als sanfter Übergang.

NFC-Tag Anwendung

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Plakatkampagne

Die Plakatkampagne erweitert Off Mode in den öffentlichen Raum. Sie begegnet Menschen in ihrem Alltag und konfrontiert sie mit kurzen, zugespitzten Aussagen. Die Plakate sind keine klassische Werbung, sondern gestalterische Eingriffe, die Aufmerksamkeit auf das eigene Verhalten lenken.

Sie funktionieren unabhängig von der App, verstärken jedoch das Gesamtsystem und machen das Thema auch für Außenstehende sichtbar.

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Offmode als System

Off Mode ist als übergreifendes System in unterschiedliche Lebens- und Nutzungskontexte integriert. Es wird nicht nur im privaten Alltag verwendet, sondern ist Teil öffentlicher und halböffentlicher Räume, in denen Aufmerksamkeit, Präsenz und Konzentration eine zentrale Rolle spielen.

Das System verbindet digitale Modi mit physischen Auslösern im Raum. NFC-Sticker markieren Situationen, in denen Smartphone-Nutzung häufig automatisiert erfolgt, und machen diese Momente zu bewussten Entscheidungspunkten. Off Mode greift dabei nicht regulierend ein, sondern verlangsamt Nutzung und ordnet sie kontextuell ein.

Social Mode — Restaurants und Cafés

Der Social Mode ist in Restaurants und Cafés etabliert und unterstützt soziale Interaktion in gemeinschaftlichen Situationen. An Tischen oder im Eingangsbereich platzierte NFC-Sticker ermöglichen die Aktivierung des Modus durch eine einfache Berührung des Smartphones beim Betreten eines Lokales, ohne aktive Bedienung oder Navigation. Dadurch entsteht eine niedrige Hemmschwelle, den Modus zu nutzen, ohne den sozialen Moment zu unterbrechen.

Weitere Einsatzbereiche

Der Focus Mode ist in Bibliotheken, Lern- und Arbeitsräumen integriert und unterstützt konzentrierte Phasen durch reduzierte digitale Reize. Der Sleep Mode kommt in Hotels und Rückzugsorten zum Einsatz und begleitet Übergänge von Aktivität zu Ruhe, insbesondere vor dem Schlafengehen.

Über alle Modi hinweg folgt Off Mode einem gemeinsamen Prinzip: Reduktion statt Verbot. Das System schreibt kein Verhalten vor, sondern gestaltet Entscheidungsmomente und macht digitale Nutzung als bewusste Handlung erfahrbar.

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Ausstellung

Im Rahmen eines Ausstellungsstands wurde Off Mode als funktionierender Prototyp präsentiert. Ziel war es nicht, das Projekt umfassend zu erklären, sondern Besucher:innen einen direkten, erfahrungsbasierten Zugang zu ermöglichen.

Durch die Kombination aus digitalen Prototypen, NFC-Stickern und analogen Gestaltungselementen konnten Besucher:innen Off Mode unmittelbar testen und erleben. Das Scannen der Sticker, das Aktivieren der Modi und der verzögerte Ausstieg machten den Übergang von automatisierter Smartphone-Nutzung hin zu bewusster Entscheidung erfahrbar. Statt über Aufmerksamkeit zu sprechen, wurde sie situativ spürbar.

Im Zentrum stand der Perspektivwechsel: Der gewohnte, oft unreflektierte Griff zum Smartphone wurde unterbrochen und als Handlung sichtbar. Viele Besucher:innen erlebten aus erster Hand, dass das Bedürfnis, das Gerät ständig zu nutzen, nicht zwingend ist, sondern häufig aus Gewohnheit entsteht.

Der Ausstellungsstand machte Off Mode als gestalterische Haltung erfahrbar. Der Moment der Erkenntnis – dass Präsenz auch ohne permanente digitale Begleitung möglich ist – entstand nicht durch Erklärung, sondern durch eigenes Erleben.

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Reflexion

Zu Beginn des Projekts bestand die größte Herausforderung darin, das Thema klar einzugrenzen und einen präzisen Fokus zu finden. Die Auseinandersetzung mit digitalen Gewohnheiten ist komplex und allgegenwärtig – entsprechend anspruchsvoll war es, daraus ein tragfähiges und gestalterisch umsetzbares Konzept zu entwickeln. Nach dieser Orientierungsphase entstand jedoch ein klarer inhaltlicher Kern, der dem Projekt Richtung und Tiefe verlieh.

Im Laufe der Arbeit wurde uns zunehmend bewusst, wie aktuell und relevant die gewählte Thematik ist. Der reflektierte Umgang mit digitalen Medien betrifft unseren Alltag unmittelbar. Genau hier setzt das Projekt an: nicht als Ablehnung von Technologie, sondern als Einladung zu einem bewussteren und selbstbestimmteren Umgang.

Besonders prägend war, dass wir während des gesamten Prozesses selbst immer wieder mit unseren eigenen Gewohnheiten konfrontiert wurden. Gerade in intensiven Arbeitsphasen zeigte sich, wie schnell das Smartphone als vermeintliche Entlastung oder als Mittel zur Prokrastination genutzt wird. Das Projekt wurde dadurch auch zu einer persönlichen Reflexion – es hat uns die eigenen Routinen deutlich vor Augen geführt.

Rückblickend sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das Konzept verbindet gesellschaftliche Relevanz mit einer klaren gestalterischen Umsetzung und formuliert eine Haltung, die über das Projekt hinaus Bedeutung hat.

Fachgruppe

Intermediales Design

Art des Projekts

Studienarbeit im Masterstudium

Betreuer_in

foto: Prof. Alejandro Lecuna foto: uwe gellert foto: Sven Rohloff

Zugehöriger Workspace

*MIMD STUDIO INTERMEDIAL 2D+3D+4D (MDE)

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2025 / 2026

Keywords