In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
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un_plugged_in
Ich scrolle, also bin ich. Wach ich oder träume ich? Nach über zehn Jahren intensiver Social-Media-Nutzung kenne ich das Paradoxon der digitalen Abhängigkeit: Wir suchen Verbindung, doch treffen oft auf sensorische Überlastung und nach dem High-Sein auf emotionale Taubheit. Was im Bedürfnis nach Unterhaltung beginnt, mündet in einen Zustand zwischen Wachsein und Trance.
Ein Problem des Überkonsums ist das Entscheidungs-Dilemma. Während wir uns mental vernetzt fühlen, wächst die physische Isolation. Stress, Angstzustände, Brainrot und die negativen Effekte des sozialen Vergleichs können unserer psychischen Gesundheit schädigen. Dabei fungieren unsere Emotionen als Treibstoff für Plattformen, deren Geschäftsmodell auf der Maximierung dieser unbewussten Abhängigkeit basiert.
Mein Projekt spiegelt dieses Suchtverhalten wider, um einen Anreiz zur Selbstreflexion zu schaffen Inspiriert von Barbara Kruger, Jenny Holzer und Paula Scher, analysiert die Arbeit die Mechanismen des Konsums und schafft einen Raum für den Austausch über Coping-Strategien.
My engagement with social media revealed a problem that is very harmful to society and the individual’s well-being: Loneliness.
Social-Media-Konsum ist seit einigen Jahren in jeder Gesellschaftsschicht und jeder Generation ein etabliertes Thema. Es belastet viele, und so richtig frei davon sind nur diejenigen, die sich aktiv davon abwenden. Als Teil der Gen Z, den „Digital Nomads“, beobachte ich bei vielen die Vereinsamung des Individuums und die Spaltung der Gesellschaft. Stundenlanges Doom-Scrolling halten wir nach dem Genuss meistens für persönliches Versagen, obwohl wir wissen, dass diese Plattformen und ihre Algorithmen so designt sind, dass sie uns unbewusst in die Sucht ziehen. „Einsame Menschen haben mehr Zeit zum Scrollen“. Dass wir nicht aufhören können zu scrollen und uns nicht entscheiden können, ob wir uns von den Socials für immer trennen sollten oder nicht, ist kein Ich-Problem – es ist ein Wir-Problem.
Quellen:
Haack, J. (2020): Einsamkeit so schädlich wie Rauchen, in: wissen|leben, Nr. 8, online unter: https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=11457
Deutschlandfunk Kultur (2025): Bertelsmann-Studie – Wenn Einsamkeit die Demokratie gefährdet, [online] https://www.deutschlandfunkkultur.de/einsamkeit-gefahr-demokratie-bertelsmann-stiftung-100.html
Schairer, F. (2018): Soziale Medien – Gut vernetzt – aber einsam?, Deutschlandfunk, [online] https://www.deutschlandfunk.de/soziale-medien-gut-vernetzt-aber-einsam-100.html
Ich möchte, dass wir statt uns gegenseitig zu kommentieren, miteinander reden, uns austauschen und reflektieren, gemeinsam unser Verhalten hinterfragen und – wenn es gut läuft – Mechanismen miteinander teilen, die uns weiterhelfen. Mit meinem Projekt möchte ich das Konsumieren nicht aufhalten oder neue Regeln für den Konsum setzen. Mir geht es darum, nachhaltig Bewusstsein zu schaffen sowie Substanz und somit Anreize für den Austausch zu bieten. Das optimalste Medium dafür ist eine Ausstellung, die den Besucher*innen ihr Doom-Scrolling spiegelt, Reizüberflutung inszeniert und hinterfragend provoziert.
Die Ausstellung integriert zeitbasierte Medien, Set- und Grafikdesign. Die Herzstücke sind der Kurzfilm und der Clip. Hier wird visuell dargestellt, was Social-Media-Nutzerinnen tief mit ihrem Alltag verschmolzen haben: der unendliche Konsum ultrakurzer Videosequenzen. Den Zuschauerinnen wird gespiegelt, was sie sonst nie von außen betrachten können: sie selbst beim Scrollen – ein gleichzeitig niedlicher und erbärmlicher Anblick einer bittersüßen und unnatürlichen Aktivität.
Der Kurzfilm und der Clip standen sich in der Ausstellung gegenüber, sodass man dazwischen stehen konnte; sie sollten so wirken, als wären sie unendlich. Um diese Ewigkeit auszustrahlen, liefen sie während der Dessau Design Schau am 30.01.2026 von 10 bis 16 Uhr in einer Dauerschleife. Auditiv sind die Videos so aufgebaut, dass sie anstrengend wirken und inhaltlich kaum zu erfassen sind. Dafür habe ich im Schnitt das Original-Audio der Aufnahmen fast unverändert gelassen. Das waren teilweise bis zu acht Handys, auf denen jeweils im Sekundentakt gescrollt wurde, primär auf Instagram oder TikTok.
Gedreht haben wir im von Herrn Lohmann geleiteten Studio der Hochschule.
Kamera: Sony Alpha 7s Mark II (Sony A7sII)
Objektive: Sony FE 24-105mm f/4 G OSS
Für Makro: Canon Lens EF 50mm f/1.2 + Makro-Zwischenring 21mm + (Adapter E-EF)
Beitragend zur Reizüberflutung im Raum gab es szenisch zur Geltung gebrachte Poster, Merch und zusätzlichen Nebel. Es gab vier Poster mit unterschiedlichen Aussagen:
1. „Ich scrolle, also bin ich.“ – Das während der Ausstellung am meisten fotografierte Poster. Wenn wir scrollen, denken wir nicht – müssen wir ja auch nicht. Wir existieren irgendwo zwischen unseren Augen und dem Screen, dem Portal zur „Welt da draußen“.
2. „Protect us from what we want“, wobei das „Protect“ etwas verdeckt wird – schließlich wollen einige von uns gar nicht davor beschützt werden. Der Spruch lautet eigentlich „Protect me from what I want“ und wird oft im Kontext mit der Sucht nach Substanzen und Drogen verwendet.
3. „Check your phone, it’s been a while.“ – Ein provozierender Spruch, der keine weitere Erklärung braucht.
4. Ein Erklär-Plakat, das bildlich den ewigen Kreis der Social-Media-Sucht darstellt: FOMO – Download – Lieben – Hassen – Löschen – and repeat. We always come back for more.
Einige der Sprüche fanden sich auch auf Stickern und T-Shirts wieder. Bei der Raumgestaltung habe ich mich auf das fokussiert, was vorhanden war: Barhocker, Tische, Lichter. Mit Hilfe meiner Kommilitonin Elisa haben wir den Raum verdunkelt, Unwichtiges hinter Malerfolie verschwinden lassen und den Raum so umgestaltet, dass ein „kleines Kino gekreuzt mit einer Ausstellung“ entstand. Leinwand, Lautsprecher und Beamer habe ich bei Herrn Lohmann ausgeliehen.
Schrift: einfach, zeitlos, pregnant
Farbe: giftig, warnend, online
Clip für den Monitor:
Kurzfilm für die Leinwand:
Die Ausstellung war eine aufregende und intensive Erfahrung. Besonders bereichernd war es zu beobachten, wie die Besucher*innen ins Gespräch kamen und sich offen über ihren eigenen Umgang mit Social Media austauschten. Die Hemmschwelle schien niedrig; der Anreiz zur Reflexion war durch die Substanz der un_plugged_in Ausstellung unmittelbar gegeben.
Das Projekt stieß auf viel positive Resonanz: Die Plakate wurden heiß diskutiert und oft abfotografiert. Das große Interesse und die zahlreichen Komplimente haben mir gezeigt, dass das Thema, wie vermutet, viele beschäftigt. Für mich persönlich war die Ausstellung ein Erfolg – vor allem, weil der angestrebte Dialog zwischen den Menschen tatsächlich stattgefunden hat.
Vielen Dank für das Ansehen meines Projekts. Und natürlich:
Vielen Dank an Elisa Bolte, Tabea Busler, Lena Wetzel, Tom Gernegroß, Ann-Sophie Zuniga, Tabea Lange, Christina Köhler, meine Eltern, Holger Lohmann, Sven Rohloff, Uwe Gellert und besonderen Dank an Prof. Alejandro Lecuna für das Vertrauen und das Zur-Verfügung-Stellen seines Raumes.
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