Incom ist die Kommunikations-Plattform der Hochschule Anhalt Fachbereich Design

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REEZE - Build to Last.

Kommunen und Dienstleister stehen vor einer großen Herausforderung: Der Mangel an Fachkräften verschärft den Druck, während herkömmliche Mähroboter oft als „Wegwerfprodukte“ konzipiert sind. Ein Defekt an Elektronik oder Motor führt dort häufig zum wirtschaftlichen Totalschaden, was bei größeren Flotten zu immensen Ausfallkosten führt.

REEZE bricht diesen Kreislauf mit einem vollmodularen System (zum Patent angemeldet). Das Gerät besteht aus fünf unabhängigen Einheiten (u. a. Motor, Batterie und Steuerung), die im Schadensfall innerhalb weniger Minuten und ohne Spezialwerkzeug direkt vor Ort ausgetauscht werden können. Anstatt die gesamte Maschine zu ersetzen, werden nur die Komponenten erneuert oder aufgerüstet, die tatsächlich verschlissen sind. Dieser Ansatz markiert den Abschied von der geplanten Obsoleszenz hin zu echter Langlebigkeit.

Zudem ist das System ein Ganzjahres-Werkzeug: Durch wechselbare Module lässt sich die Plattform für Aufgaben wie Kehren, Schneeräumen oder Streuen umrüsten. So wird aus einer einmaligen Investition ein vielseitiger Begleiter für alle saisonalen Anforderungen – effizient, ressourcenschonend und dauerhaft einsatzb

Problemstellung

Kommunen und Landschaftsbauunternehmen stehen vor einem strukturellen Problem. Der Fachkräftemangel im Grünflächenmanagement wächst, während gleichzeitig der Druck steigt, Außenanlagen das ganze Jahr über zu pflegen. Konventionelle Mähroboter sind als Lösungsansatz zwar naheliegend, aber bislang vor allem als Wegwerfprodukte konzipiert. Ein defektes Mainboard, ein ausgefallener Motor, und das Gerät ist wirtschaftlich ein Totalschaden. In Flotten von 20, 50 oder 100 Einheiten summieren sich Ausfallzeiten und die Reparaturkosten und Wiederbeschaffung zu einer erheblichen Belastung. Dahinter steckt ein systemisches Designversagen: Geräte, bei denen Reparierbarkeit von Beginn an nicht vorgesehen ist. Dieses Prinzip , bekannt als geplante Obsoleszenz, produziert nicht nur Kosten, sondern auch Elektronikschrott in großem Maßstab. REEZE setzt genau hier an.

Zielgruppe

Im Mittelpunkt stehen Kommunen und professionelle Landschaftsbauunternehmen, die Geräte im Flottenmaßstab betreiben. Für sie zählen Verfügbarkeit, Wartungsaufwand und Betriebskosten über mehrere Jahre mehr als der Anschaffungspreis. Hinzu kommt der Ganzjahresbetrieb: Flächen müssen nicht nur im Sommer gemäht, sondern im Winter geräumt und gestreut werden, dass war bislang mit verschiedenen Maschinen und entsprechendem Logistikaufwand verbunden.

Sekundär richtet sich REEZE an umweltbewusste Privatkunden, die bewusst in Langlebigkeit investieren, sowie an eine breitere Öffentlichkeit, für die Reparierbarkeit und Ressourceneffizienz zunehmend zu Kaufargumenten werden - nicht zuletzt durch EU-Regulierungen wie das Recht auf Reparatur.

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Konzept & Geschichte

REEZE entstand aus der Beobachtung, dass Modulbauweise in der Technologiebranche zwar viel diskutiert, aber selten konsequent umgesetzt wird. Die Grundidee: Was wäre, wenn eine Maschine nie als Ganzes ersetzt werden müsste, sondern ausschließlich das, was tatsächlich defekt oder veraltet ist?

Das Konzept wurde während des Bachelorstudiums entwickelt und 2023 zum Patent angemeldet (DE 10 2023 113 610 A1). In meinem Masterstudium habe ich es dann noch einmal überarbeitet und zu einer vollständigen Systemlösung ausgebaut. Fünf unabhängig voneinander austauschbare Module, die sich vor Ort ohne Werkzeug in Minuten tauschen lassen, das ist die zu Grunde liegende Funktionslogik. Der gesamte Maschinenpark einer Flotte wird durch einen einzigen gemeinsamen Ersatzteilbestand abgesichert.

Der Funktionsumfang geht dabei über das Mähen hinaus: Mit wechselnden Anwendungsmodulen wird REEZE zum Ganzjahresgerät: Kehren, Schneeräumen, Streuen und Laubsammeln. Eine Investition, die sich über das Jahr hinweg amortisiert.

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Prozess & Making-of

In dem zweiten Semester meines Masterstudium begann die Übersetzung des Konzepts (bisher bestehend aus den Modulen und Alu-Nut Profielen) in einen realen Prototyp. Der Aluminiumgrundrahmen wurde zunächst im CAD angelegt und dann aus 2mm Alublech ausgelasert. Parallel entstanden auf dem Papier und in Fusion 360 zahlreiche Gehäuseentwürfe. Hier nur ein paar davon) Die zentrale Herausforderung war, einen Körper zu finden, der gleichzeitig robust, greifbar und formal schlüssig wirkt.

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Keines der gerade gezeigte Entwürfe ist der finale, allerdings beeinflussten diese Entwürfe (und noch einige mehr) das schlussendliche Design.

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Die Gehäuseproduktion stellte den aufwendigsten Teil des Prozesses dar. Da das fertige Gehäuse mit 70 × 40 cm die verfügbaren Druckvolumen meiner 3D Drucker überschritt, musste ich es in Segmente aufteilen. Die einzelnen Teile wurden auf einem Ender 5 S1 und einem Ender 5 Plus gedruckt. Im nachhinein der Schritt, welcher die größte Herausforderung des gesamten Projekts darstellte. Drucker, die mitten in langen Jobs versagten oder fehlerhafte Schichten produzierten, kosteten nicht nur Material, sondern vor allem Zeit. Im Nachhinein wäre die frühe Anschaffung eines zuverlässigeren Geräts die sinnvollste Einzelinvestition des Projekts gewesen.

Die fertigen Segmente habe ich dann mit Glasfasermatten und Epoxidharz strukturell verbunden und anschließend mit XTC-3D oberflächenbehandelt, um die Druckschichten zu schließen und eine lackierfähige Oberfläche herzustellen. Nach dem Schleifen folgte die abschließende Lackierung. Der semitransparente Plexiglas-Deckel wurde separat im Materiability Lab gelasert und innenseitig durch feines Schleifpapier zu einem Milchglas weiterentwickelt.

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Gestaltung

Das Gehäuse von REEZE sollte nicht nur schützen, sondern kommunizieren. Drei Anforderungen standen im Vordergrund: Die Modularität musste visuell ablesbar sein, das Gerät musste auch mit Arbeitshandschuhen sicher bedienbar und tragbar bleiben, und das Design sollte zeitlos genug sein, um in verschiedenen Kontexten (von der Gemeindefläche bis zum privaten Garten) zu funktionieren.

Die Grundform ist bewusst zurückgehalten: Ein weißer Bumper umrandet den dunklen Hauptkörper, der die Modulstruktur aufnimmt. Vorne und hinten sitzen großzügige Griffmulden, die organisch in die Gehäuseform integriert sind und sich auch mit voluminösen Handschuhen sicher greifen lassen. Der flache, ebene Deckel ist aus semitransparentem Plexiglas gefertigt. Dies bietet einen erstens Einblick in das Innenleben und macht damit die Modularität erfahrbar. Und zweitens ermöglicht dieser Deckel einen späteren Umbau auf Solarbetrieb, ohne das Design zu verändern.

Für die Farbsprache wurde Schwarz-Weiß gewählt, nicht als 

Klischee, sondern damit die Kombination kontextunabhängig wirkt: industriell und gleichzeitig konsumentennah. Das Logo durchlief einige Entwurfsphasen, bevor eines auserkoren wurde. Ein Stilisiertes „R“ welches auf dem Gehäuse ebenso funktioniert wie in kleinen Größen auf Dokumenten und digitalen Medien.

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Markt & Potenzial

Der Markt für Outdoor-Serviceroboter wächst strukturell. In Deutschland allein verwalten Kommunen Millionen von Quadratmetern Grünfläche. Der Einsatz autonomer Geräte ist in vielen Verwaltungen bereits beschlossen oder in Pilotphase – die Frage ist nicht mehr ob, sondern womit. Hier liegt der strategische Einstiegspunkt für REEZE: nicht als günstigstes Gerät, sondern als wirtschaftlich überlegene Langzeitlösung für Flottenbetreiber.

Der entscheidende Unterschied zeigt sich in der Gesamtkostenrechnung über mehrere Jahre. Bei einer Flotte von 50 Geräten kann ein einziger Ausfall durch nicht verfügbare Ersatzgeräte erhebliche Folgekosten verursachen. REEZE eliminiert dieses Risiko durch modulare Redundanz: Ein gemeinsamer Ersatzteilbestand sichert die gesamte Flotte ab, defekte Einheiten werden vor Ort in Minuten getauscht.

Die EU-Richtlinie zum Recht auf Reparatur, die ab 2025 schrittweise in Kraft tritt, schafft zusätzlichen Rückenwind. Sie verpflichtet Hersteller zur Verfügbarkeit von Ersatzteilen und zur Konstruktion reparabler Geräte – Anforderungen, die REEZE von Grund auf erfüllt, während Wettbewerber nachrüsten müssen.

Mittelfristig bietet das Modulkonzept einen weiteren wirtschaftlichen Hebel: Einzelne Module können separat vermarktet, über Leasingmodelle angeboten oder im Abo-Modell aktualisiert werden. Statt einmaliger Gerätekäufe entstehen langfristige Kundenbeziehungen. Das wäre ein Geschäftsmodellansatz, der in diesem Bereich bislang kaum etabliert ist, aber in verwandten Branchen bereits erfolgreich funktioniert.

Ausstellung

Natürlich REEZE wurde auf der Dessau Design Schau präsentiert. Die Ausstellungssituation war als erfahrbare Kurzgeschichte angelegt: Auf einem grünen Kunstrasen zog sich ein schmaler Streifen Schneeimitat an einer Seite hin, in der Mitte befand sich nackter Rasen, am anderen Ende lag Herbstlaub. REEZE „fuhr“ langsam durch alle drei Zonen und hinterließ jeweils eine saubere Schneise.

Reflexion

REEZE hat sich von einer Idee zu einem ausstellungsreifen Design Prototyp entwickelt. Der nächste angedachte Schritt ist nur noch die Technische Funktionstüchtigkeit, bei welcher nur noch die verbindenden Platinen erstellt werden muss, der Rest liegt dank des Open-Source Projekt „OpenMower“ bereits an. Das Projekt hat gezeigt, dass Modularität nicht nur ein technisches Merkmal ist, sondern einen eigenständigen gestalterischen Charakter erzeugt: ein Gerät, das seine eigene Logik zeigt.

Was ich rückblickend früher anders gemacht hätte: den 3D-Drucker-Engpass konsequenter adressieren. Der Fertigungsprozess war an dieser Stelle unnötig nervenaufreibend, und ein leistungsfähigeres Gerät hätte nicht nur Zeit gespart, sondern auch mehr iterative Freiheit in der Gehäuseentwicklung erlaubt.

Inhaltlich hat das Projekt bestätigt, dass das Thema Reparierbarkeit und Langlebigkeit im Gerätedesign kein Nischenthema mehr ist, sondern eines, das Kommunen, Gesetzgeber und Nutzer gleichermaßen beschäftigt. REEZE ist dafür ein konkreter Entwurf, kein Konzept auf Papier.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Intermediales Design

Art des Projekts

Studienarbeit im Masterstudium

Betreuer_in

foto: Sven Rohloff foto: Prof. Alejandro Lecuna foto: uwe gellert

Zugehöriger Workspace

*MIMD STUDIO INTERMEDIAL 2D+3D+4D (MDE)

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2025 / 2026