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BA Aneignungsfreundliche Produktgestaltung

BA Aneignungsfreundliche Produktgestaltung

Aneignungsfreundliche Produktgestaltung

Entwurf eines offenen Produktsystems zur individuellen Einschreibung von Identität im Alltag.

01 Abstract

Die Bachelorarbeit untersucht, wie Produktgestaltung Aneignung als Ausdruck von Identität ermöglicht und unter welchen Bedingungen Aneignungsprozesse gelingen oder scheitern. Ausgangspunkt ist die Diskrepanz zwischen stark standardisierten, technisch komplexen Produkten und dem Bedürfnis nach individuellen Bedeutungen im persönlichen Wohn‑ und Arbeitsumfeld. Theoretisch werden Begrifflichkeiten zu Produktgestaltung, Identität und Aneignung geklärt. Darauf aufbauend analysiert die Arbeit aktuelle Aneignungspraktiken wie Anpassung, Modifikation, Umnutzung, Erweiterung, Selbstbau und Co‑Gestaltung.

Empirisch kommen eine Online‑Umfrage, Mindmapping, Produktrecherche, Interview und Fallbeispiele sowie die 6‑W‑Methode zum Einsatz, um Motive, Barrieren und Gestaltungschancen für aneignungsfreundliche Produkte zu identifizieren. Aus den Ergebnissen werden Gestaltungskriterien wie Offenheit, Unvollständigkeit, Modularität, Reparierbarkeit und Personalisierbarkeit abgeleitet und in einem Designbriefing für den Arbeitskontext übersetzt.

In der Entwurfsphase entsteht das „AOS‑System“, ein modulares Tisch‑ und Organisationssystem, das

zentrale Tischfunktionen und mehr als offenes Basissystem interpretiert und Nutzer über einfache Verschraub und Erweiterungsmodule zu aktiven Mitgestalteren macht. Prototypen und Aneignungstests zeigen, dass eine bewusst offene, modular strukturierte Produktarchitektur Aneignung niedrigschwellig ermöglicht, Hemmschwellen zur physischen Veränderung senkt und den identitätsstiftenden Charakter von Alltagsprodukten stärkt.

02 Umfrage

Die Online-Umfrage untersucht, wie wichtig Menschen der Ausdruck von Identität über Produkte ist und welche Rolle Aneignung dabei spielt. Die Ergebnisse zeigen: Viele wollen Produkte an ihre Lebensrealität anpassen, stoßen aber auf Hemmnisse wie fehlende Fähigkeiten, Angst vor Wertverlust oder technisch verschlossene Produkte. Gleichzeitig wird deutlich, dass personalisierte und angeeignete Objekte länger genutzt und emotional stärker gebunden werden, was sie für nachhaltige Gestaltung besonders relevant macht.

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03 Aneignungspraktiken und -motive

In der Thesis werden fünf zentrale Aneignungspraktiken beschrieben: Umnutzung, Anpassung, Modifikation, Erweiterung und Selbstbau/Co-Gestaltung. Sie zeigen, wie Menschen Produkte umdeuten, passend machen, umbauen, ergänzen oder selbst mitgestalten, um Lücken zwischen Standardprodukt und eigener Lebensrealität zu schließen. Motive reichen von spielerischer Kreativität über funktionale Notwendigkeit bis zu Identitätsausdruck, Autonomie und nachhaltiger Nutzung. Aneignung wird als aktiver Beziehungsaufbau verstanden, bei dem aus einem industriellen Serienprodukt ein persönlicher Gegenstand wird.

04 Aneignungsfreundliches Design

Aneignungsfreundliches Design nimmt das „Skript“ eines Produkts bewusst offen wahr und gestaltet es so, dass Nutzer Handlungsspielräume statt starre Vorgaben erhalten. Zentrale Prinzipien sind Offenheit, Modularität, Reparierbarkeit, Zugänglichkeit und eine zurückhaltende, ehrliche Formsprache. Ein Produkt gilt als aneignungsfreundlich, wenn es alternative Nutzungen zulässt, Eingriffe nicht bestraft und eigene Spuren, Ergänzungen und Umbauten sichtbar werden können, statt verdeckt zu bleiben.

05 Moodboard

Das Moodboard übersetzt die inhaltlichen Kriterien in eine visuelle Sprache: konstruiert, stabil, nachvollziehbar, modular, reparierbar, erweiterbar. Die Farbigkeit bleibt eher matt und natürlich, damit das System nicht laut auftritt, sondern Raum für die Identität der Nutzenden lässt. Radien und Details machen das System zugänglich und vertraut, ohne die konstruktive Klarheit zu verlieren. So wird das AOS-System als ruhige Bühne verstanden, auf der Aneignung sichtbar werden kann.

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06 Konzepte und Prototypen

Im Kapitel Konzepte und Prototypen untersuche ich, wie sich eine aneignungsfreundliche Grundform in reale Modelle übersetzen lässt. Entscheidend ist die Frage, welche räumlichen Strukturen und Raster die größte Offenheit für unterschiedliche Aufbauten, Module und Aneignungsszenarien bieten. Über 3D-gedruckte Muster, digitale Assemblies und physische Prototypen nähere ich mich Schritt für Schritt einer Basisform, die stabil, modular und gut erweiterbar ist.

Das modulare Filz-Boxensystem untersucht, wie weichere, textilere Materialien als flexible Organisationsstruktur eingesetzt werden können. Stapelbare Boxen und Einsätze bilden eine variable Topografie auf dem Tisch, die sich schnell umbauen, verschieben und ergänzen lässt. Filz sorgt dabei für eine ruhige, haptische Oberfläche, die Dinge schützt und gleichzeitig dazu einlädt, den Aufbau immer wieder neu zu konfigurieren.

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Das hexagonale Pegboard-System überführt die Idee der Wand-Lochraster in ein freistehendes, dreidimensionales Tischsystem. Durch die hexagonale Grundform entstehen stabile Strukturen, an denen Module, Haken und Ablagen frei positioniert und kombiniert werden können. Das regelmäßige Raster macht das System planbar erweiterbar und eröffnet dennoch viele unerwartete Aufbau- und Aneignungsmöglichkeiten.

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07 AOS Webseite

Die AOS-Webseite ist mehr als ein klassischer Produktauftritt – sie basiert auf drei Funktionen: aufklären, inspirieren und verkaufen. Sie erklärt transparent, wofür das System gedacht ist, welche Funktionen und Grenzen es hat und liefert exakte Maße und Rasterdaten für eigene Module. Über eine Community-Sektion können Nutzende ihre Aufbauten, Aneignungen und Modul-Dateien teilen, andere inspirieren und direkt passende Platten und Schrauben in den Warenkorb legen – so wird die Webseite zur Schnittstelle zwischen Produktkauf, Aneignungskultur und langfristiger Markenbindung.

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08 Das AOS-System

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Teil meines offenen Designs war es auch, ein geeignetes Maß für mein System zu finden und insbesondere für das darin liegende Lochmuster, damit es sich nicht durch komplexe Maße unnötig schwer aneignen lässt. Die zentrale Fläche hat ein Maß von 150 × 150 mm, die abgekantete Fläche von 150 × 30 mm. Im Lochmuster liegt zwischen den einzelnen Löchern ein Abstand von 10 mm, die Löcher selbst haben einen Durchmesser von 5 mm. Die Langlöcher verbinden einzelne Löcher miteinander und bleiben dadurch Teil des einheitlichen Musters.

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09 Module zur Erweiterung

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10 Produktfotografien

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11 Aneignungsphase durch KI

Für die Aneignungsphase wurden reale Modelle und KI-gestützte Szenarien kombiniert. Mit Hilfe von textbasierten Prompts und Bild-KI wurden fiktive Personas, Umgebungen und Nutzungssituationen generiert, die an die realen Konstruktionen andocken. Die Ergebnisse zeigen überraschend vielfältige Aneignungsformen und Konfigurationen und werden als Inspirationspool genutzt, um Potenziale und Grenzen des Systems weiterzudenken.

mit Hilfe von KI erstellt
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mit Hilfe von KI erstellt
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12 Fazit

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Die Arbeit zeigt, dass Produktgestaltung Aneignung dann wirksam unterstützt, wenn Produkte als offene Systeme gedacht werden, die mehr Fragen stellen als Antworten durchdesignen. Aus der theoretischen Auseinandersetzung mit Aneignungspraktiken, Umfrageergebnissen und Produktanalysen lassen sich klare Gestaltungskriterien ableiten: Offenheit, Unvollständigkeit, Modularität, Reparierbarkeit, Zugänglichkeit und eine zurückhaltende Markeninszenierung. Das AOS-System macht diese Kriterien konkret erfahrbar, indem es als robustes, hexagonales Pegboard-System funktioniert, das nur einen strukturellen Rahmen bietet und alle inhaltlichen Entscheidungen bewusst bei den Nutzenden lässt. Die Prototypenphase bestätigt, dass eine solche Architektur Aneignung erleichtert, Hemmschwellen zur physischen Veränderung senkt und Alltagsobjekte stärker mit Identität, Routinen und persönlichen Spuren auflädt.[Anhang]

Rückblickend zeigt der Prozess der Thesis, wie stark sich Fragestellung, Designkriterien und Entwurf gegenseitig beeinflusst haben. Von den ersten Rechercheschritten über Umfrage, 6-W-Methode und Produktanalyse bis zu Prototypen und finalem System verschiebt sich der Blick zunehmend von „Wie gestalte ich ein Produkt?“ hin zu „Wie gestalte ich Bedingungen, unter denen andere weitergestalten können?“. Die Arbeit an den Prototypen – vom Filz-Boxensystem bis zum hexagonalen Pegboard – macht erfahrbar, wie wichtig eigenes Machen, Scheitern, Überarbeiten und Testen für das Verständnis von Aneignung ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass es gestalterisch anspruchsvoll ist, Kontrolle abzugeben, gestalterische Haltung zu bewahren und dennoch keine fertigen Identitätsbilder vorzugeben. Aus dieser Spannung entsteht eine zentrale Erkenntnis der Arbeit: Aneignungsfreundliches Design ist weniger ein einzelnes Produkt als eine Haltung, die sich in Systemlogik, Materialwahl, Prozessen und der Bereitschaft zeigt, Nutzende als Mitgestaltende ernst zu nehmen.

13 Bachelor Thesis

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Ein Projekt von

Fachgruppe

Sonstiges

Art des Projekts

Bachelorarbeit

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foto: Nicolai Neubert foto: Prof. Heike Schmidt

Zugehöriger Workspace

DessauDesignAward 2026

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2026

Keywords