Incom ist die Kommunikations-Plattform der Hochschule Anhalt Fachbereich Design

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Initiative Abdankprämie

Mein Entwurf einer politischen Kampagne unter dem Titel „Initiative Abdankprämie“ bewegt sich zwischen Anti-Design und künstlerischer Protestaktion. Das zugrundeliegende Konzept ist weder „schön“ noch menschlich erstrebenswert, doch sendet es eine kraftvolle Botschaft. Mein Ziel war es nicht, Menschen durch meinen fragwürdigen Umgang mit einem sensiblen Thema - dem Tod - zu empören oder zu schockieren. Stattdessen wollte ich eben diese Empfindsamkeit nutzen, um auf bestehende Gesellschaftsprobleme, nämlich einem Lebensstil in Überfluss und die Verdrängung der Endlichkeit, hinzuweisen. Probleme, deren Lösung uns künftig drastische Maßnahmen abverlangen könnte. Und zugleich tat sich die Frage auf, wie weit man dafür, auch zum Wohle der Allgemeinheit, überhaupt gehen dürfte? Welche Werte vertreten wir dabei als Gesellschaft? Entgegen des weitverbreiteten, positiven „Wir schaffen das!“-Narrativs, war meine Herangehensweise die dystopische Projizierung negativer Konsequenzen, damit sich der thematisierte „Verlust“ nicht zum erschütternden Alltag entwickelt.

++++ DISCLAIMER ++++ Im Rahmen dieses Studienprojektes wurden zu akademischen Zwecken Symbole, Logos, Titel, Namen, Bezeichnungen, Signaturen und Schriften verwendet, deren Gebrauch gesetzlich reguliert wird. Eine unautorisierte Weiterverbreitung sowie Verwendung zu eigennützigen Zwecken ist ausdrücklich untersagt! Zudem steht dieses Projekt in keiner Weise in Verbindung mit jeglicher politischer Gesinnung. Personennamen wurden unter unbestimmten Kriterien verwendet und sind als Platzhalter anzusehen.

Präsentationsplakat

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1. Die Kampagne

1.1 Konzept

„Haben Sie jemals über Ihren Tod nachgedacht? Wollen auch Sie Ihren Beitrag zur Lösung globaler Probleme leisten? Die „Initiative Abdankprämie“ der Bundesregierung vereint beides in einem noch nie zuvor dagewesenen Angebot! Im Rahmen der aktiven Sterbeführung können Freiwillige ihr vorzeitiges Ableben einleiten und zugleich weitreichende Vorteile für sich und andere sichern!“

Dies ist das Kernprinzip der fiktiven, politischen Kampagne. Mit der freiwilligen Selbstaufopferung soll aus politischer Sicht eine schnelle Lösung auf hochkomplexe Probleme (Wicked Problems) wie u. a. Klimawandel, Überbevölkerung, Energie- und Lebensmittelknappheit gefunden sein. Die gewonnenen Ersparnisse im Verbrauch werden in Form monetärer Boni (→ Abdankprämie) an Hinterbliebene und/oder gemeinnützige Organisationen ausgezahlt.

Darüber hinaus werden alle Freiwilligen auf den offiziellen Kommunikationskanälen der Bundesregierung (Website, Social Media) verewigt. In rühmlicher Aufmachung werden neben einem Porträt werden auch die letzten Gedanken der einzelnen Personen ausgestellt.  Im Sinne des „futuristischen“ Post-Smarphone Settings, ist die Anmeldung zum Programm sowohl analog via Meldekarte als auch online auf der Homepage und Social Media möglich.

Die Kampagne ist in erster Linie an die Bevölkerung höheren Alters adressiert. Prinzipiell steht das Angebot der Sterbeführung jedoch für alle Personen ab 18 Jahren frei.

1.2 Kampagnenmedien

Print

Plakate

Für die „Initiative Abdankprämie“ wurden Plakate gestaltet wie sie von der Bundesregierung auch zu realen Anlässen eingesetzt werden. Jüngstes Beispiel sind Plakate für die Impfkampagne während der anhaltenden Corona-Pandemie, die meinen Entwürfen als Inspiration dienten.

Die Plakate setzen sich jeweils aus einem dominanten Bildmotiv und einem dazugehörigen Spruch, Slogan o. ä. zusammen. Im unteren Viertel der Plakatfläche befinden sich Informationsmöglichkeiten zur Abdankprämie und das Logo der Bundesregierung, um den Absender kenntlich zu machen.

Die unterschiedlichen Bildmotive wurden mit der Absicht ausgesucht, ein breites Publikum anzusprechen. Das Motiv „Großmutter mit Enkelkind“ strahlt einen seriösen und zugleich sentimentalen Charakter aus, der vor allem ältere Generationen emotional erreichen und zur Inanspruchnahme der Abdankprämie bewegen soll. Dem Motiv 2 „Ärztewolke“ wohnt dagegen ein gewisser Humor inne, der mit Generationen jeden Alters resoniert.

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Dialogpost: Anschreiben

Neben der allgemein vorhandenen Werbung sollen alle Bürgerinnen und Bürger ab dem 18. Lebensjahr mithilfe eines personalisierten Anschreibens via Dialogpost über die Implementierung des Programms informiert werden.

Das Anschreiben enthält allgemeine Hintergrundinformationen zur bestehenden Weltsituation in der dystopischen Zukunft  und wie es zur Abstimmung über die Abdankprämie gekommen ist. Zusätzlich erfolgt ein Aufruf, das morbide Angebot zu nutzen und sich mittels des beigefügten Materials weiter zu informieren.

Insgesamt ist es ein effektives Gestaltungselement, welches die Kampagne als Designprojekt wesentlich amtlicher und authentischer erscheinen lässt. Zudem verleitet es die Leser, sich einen ersten Eindruck vom dystopischen Zukunftsstaat zu bilden.

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Dialogpost: Faltblatt mit Meldekarte

Den zweiten Teil des Briefes bildet das Faltblatt (Folder). 
Auf dessen Vorderseite ist in großer Schrift der offizielle Titel der Kampagne und das Logo der Bundesregierung zu sehen. So ist auf den ersten Blick deutlich, dass es sich um amtliches Material handelt.

Entgegen dem Anschreiben, ist der Innenteil des Folders nicht personalisiert. Auch hier sind nochmals Informationen zu den Beweggründen der Abdankprämie enthalten sowie Details zum eigentlichen Prozess: von der Anmeldung, über die Durchführung bis hin zur Prämie.

Der Text schließt mit Nennung der Konditionen und der Signatur der Bundesregierung ab.

Auf der Rückseite des Folders befindet sich die Meldekarte, welche abgetrennt und zur Anmeldung für die Sterbeführung genutzt werden kann. Zudem befinden sich darauf die Flaggen Deutschlands, der EU und der UN, um den offiziellen Charakter zu unterstreichen. 

Zusätzlich befindet sich auf jedem Folder ein kurzes Statement einer Person, die sich entweder selbst zum Programm angemeldet oder unmittelbar von den Vorzügen der Prämie profitiert hat. Hierfür wurden mehrere Varianten angefertigt, welche je nach Adressaten verwendet werden können.

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Digital

Webseite

Für den Webauftritt der Kampagne und den Aufbau der digitalen „Wall of Fame“ entschied ich mich dazu, mir die bereits vorhandene Webseite der Bundesregierung zu Nutze zu machen. Während meiner Recherche entdeckte ich darauf den bereits existierenden Menüpunkt »Erinnern und Gedenken«, sodass es mir nur sinnvoll erschien, diesen für mein Projekt zu erweitern. Da es meine Absicht war, meinen Entwurf so „offiziell“ wie möglich erscheinen zu lassen, lag es aus meiner Sicht nahe, bereits vorhandene, offizielle Kommunikationsmittel zu verwenden, anstatt gänzlich neue zu gestalten.

Vom Menüpunkt »Erinnern und Gedenken« gelangt man schließlich zu »Abdankprämie«, wo Eilmeldungen über neue AmtsinhaberInnen und ein Live-Counter der freiwilligen NutzerInnen der Sterbeführung den Zeitsprung veranschaulichen.

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Von dort aus ist das Personenregister mit der „Wall of Fame“ erreichbar. Hierauf werden alle Freiwilligen für ihren heldenhaften Beitrag zur Lösung globaler Krisen verewigt. 

Das Register ist öffentlich einsehbar und kann nach unterschiedlichen Suchfiltern sortiert werden.

Jeder Eintrag umfasst ein Porträtfoto sowie die letzten Gedanken der jeweiligen Person. Auf diese Weise wird den Lesern nicht nur Einblick in deren Gefühlswelt gewährt, sondern auch indirekt Druck ausgeübt, sich ebenfalls für die Nutzung des Angebotes anzumelden.

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Social Media

Auch Social Media, z. B. Instagram, sollen als offizielle Kommunikationswege genutzt werden können. Hierauf sind die neuesten Einträge der „Wall of Fame“ zu finden sowie wichtige Updates und Werbung rund um die Kampagne.

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2. Gestaltung

Sprache

Die gebrauchte Sprache bewegt sich auf einem förmlich, seriösen Niveau. Es barg eine gewisse Herausforderung, zwischen bestimmender Autorität und verständnisvoller Empathie den passenden Ton zu treffen und zu halten. Zudem wurde Vokabular verwendet, welches im politischen Kontext geläufig ist.

Innerhalb der Kommunikationskanäle (Print, Web, Social Media) bestehen ebenfalls Varianzen in der Ausdrucksweise, um die NutzerInnen der jeweiligen Medien spezifisch zu adressieren.

Als Referenzmaterial dienten mir hierbei offizielle Social Media Accounts der Bundesregierung, Protokolle, offene Briefe, ministerielle Berichte und Kampagnenmaterial.

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Farbe

Zur farblichen Gestaltung wurden ausschließlich Weiß-Grau-Abstufungen eingesetzt, um die ernüchternde Thematik des Sterbens aufzugreifen. Zudem besitzen sie eine dominante, seriöse Ausstrahlung, die sich natürlich in den politischen Kontext einfügt.

Eine Ausnahme bildet die Gestaltung der Webseite. Hierfür wurden zusätzlich Gelb- und Blautöne verwendet wie sie auch auf der Homepage der Bundesregierung zu finden sind.

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Grafische Gestaltung

Die grafische Gestaltung wurde abermals von offiziellen Publikationen der Regierung inspiriert. Oftmals werden neben realen Fotografien nur dezente grafische Elemente verwendet, um die seriöse Erscheinung zu bewahren.

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Typografie

Verwendet wurden die Hausschriften der Bundesregierung: BundesSans und BundesSerif von Jürgen Huber und Martin Wenzel.

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3. Recherche

Tod in der Fotografie

Dem Entwurf der Kampagne ging eine umfassende Themenrecherche voraus. Offene Fragen, die zu Beginn der Arbeitsphase gestellt wurden, waren u. a.: „Welche Funktionen übernimmt die Fotografie in unserer heutigen Gesellschaft?“ und „Wie hat sich der Umgang mit Fotos in der Vergangenheit gewandelt und wie könnte er sich künftig entwickeln?“.

Kernbegriffe, die im Brainstorming fielen, waren „Erinnerung, Emotion und Information“.

Ein Erinnerungsmotiv, welches die Menschheit schon immer begleitet hat und voraussichtlich immer wird, ist das Gedenken verstorbener Menschen. Global betrachtet variiert der Umgang mit dem Tod von Kultur zu Kultur. Zwar sind Aspekte wie Ehrfurcht und Respekt allgegenwärtig, doch unterliegt unsere westliche Kultur einem starken, historischen Wandel

Ein Beispiel, an dem dieser Wandel deutlich wird, ist die Postmortal-Fotografie. Hierbei wurde ein letztes Porträtfoto einer Person nach deren Tod aufgenommen. Häufig allein, aber auch Inszenierungen mitsamt Familienangehörigen waren keine Seltenheit. 
Im 19. Jhd. war diese Praxis in Europa und den USA weit verbreitet.

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Tod in der Gesellschaft

Heutzutage wird die Postmortal-Fotografie kaum bis gar nicht mehr praktiziert. Warum dem so ist, lässt sich anhand historischer Entwicklungen erklären.

Im frühen 19. Jhd. war der christliche Glaube noch stärker ausgeprägt als es heute der Fall ist. Damit wurde der Tod in der Gesellschaft als Beginn des Nachlebens bei Gott angesehen, wie es in der Religion verheißen wird. Dieser zuversichtliche Glaube war zu der Zeit essenziell, da mangelhafte Hygiene und gefährliche Infektionskrankheiten (Tuberkulose, Masern, Polio) die Mortalitätsrate drastisch erhöhten. Allein in Deutschland betrug die Kindersterblichkeit (vor dem 5. Lebensjahr) im 19. Jhd. ca. 60%. Innerhalb einer Familie gab es demnach viel mehr Todesfälle in kürzerer Zeit als es heute der Fall ist. Natürlich gab es auch noch keine medizinische Infrastruktur, sodass die Menschen in ihren eigenen vier Wänden verstarben. Somit hatte i.d.R. die Familie den Erstkontakt zum Leichnam. In solchen Fällen war es zudem nicht unüblich, dass Freunde und Nachbarn die verstorbene Person in deren Heim aufsuchten, um den Körper zu sehen und Abschied zu nehmen.

Man kann also argumentieren, dass die damalige Gesellschaft an den allgegenwärtigen Tod „gewöhnt“ war.

Tabuisierung

Mit dem voranschreitenden 19. Jhd. nahm diese Situation eine 180°-Wendung. Infolge der Aufklärung fiel ein Großteil der Bevölkerung vom Glauben ab. Stattdessen nahmen wissenschaftliche Kenntnisse und technische Innovationen immer mehr zu. Die Lebenserwartung verlängerte sich deutlich und es entwickelten sich schließlich Krankenhäuser wie auch Pflegeheime, was wiederum bedeutet hat, dass Menschen seither zwar seltener starben dafür aber auch nicht mehr im eigenen Heim. Der Tod war nicht länger die Schwelle zum Nachleben, sondern die Grenze ärztlicher Handlungsmöglichkeiten: sprich, medizinisches Versagen. Zudem haben wir heute kaum noch Kontakt mit dem Leichnam, da die Menschen in Krankenhäusern bzw. Pflegeheimen sterben und vom Bestattungswesen, das parallel zur eigenen Wirtschaftsbranche herangewachsen ist, abschließend umsorgt werden. Es besteht heutzutage demnach nicht mehr die Notwendigkeit, sich unmittelbar dem Thema auszusetzen.

Aus heutiger Sicht kann man also argumentieren, dass wir als Gesellschaft, den Umgang mit dem Tod verlernt haben. Die ehemalige Ehrfurcht und Zuversicht schlug in Meidungsverhalten und Angst um. Zwar wird in gesellschaftlichen Konventionen eine ehrfürchtige Grundhaltung impliziert (→Störung der Totenruhe, „Über die Toten nur Gutes.“), doch kann man eine Sache wirklich „ehren“, wenn man sie viel lieber gänzlich meiden würde? Ist dieser Respekt dann nicht reine Fassade? Doch was wäre, wenn äußere Umstände, bspw. globale Krisen, unsere ambivalente Einstellung nichtig machten und den Umgang mit dem Tod diktierten? Wie würden wir auf den konventionellen Bruch reagieren? Diese Fragen sollten schließlich den Grundstein für meine Projektarbeit legen.

Brauns_taboo.pdf PDF Brauns_taboo.pdf

death_midpraese.pdf PDF death_midpraese.pdf

4. Ideation

Neben der Kampagne der Abdankprämie existierten noch weitere Gestaltungsansätze: u. a. ein Fotofilter zur Simulation des Sterbeprozesses am eigenen Gesicht sowie ein visionärer Friedhof (oder Datenbank?) unter Berücksichtigung der Konservierung des „Selbst“ als künstliche Intelligenz.

ideation.pdf PDF ideation.pdf

Ein Projekt von

Fachgruppe

Integriertes Design

Art des Projekts

Studienarbeit im zweiten Studienabschnitt

Betreuung

foto: Klaus Pollmeier foto: Prof. Severin Wucher

Zugehöriger Workspace

GP 2D (Foto) 2022 (Postsmartphone)

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2022